lausebande-09-2026

Titelthema ‹ 95 tion vorgeschlagen wird, sollte erklärt werden, warum sie sinnvoll ist, welche Alternativen es gibt und wie viel Zeit möglicherweise noch zum Abwarten bleibt. Die Frau sollte nicht das Gefühl haben, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Sie muss wissen: Was passiert gerade? Warum machen wir das? Welche Möglichkeiten habe ich? Was können Frauen darüber hinaus tun, wenn sie sich eine möglichst natürliche Geburt wünschen? Informiert in die Geburt gehen und während der Schwangerschaft mit der Hebamme und dem Partner darüber sprechen, was einem wichtig ist. Wer die Möglichkeit hat, kann sich nach einer Beleghebamme oder einer hebammengeleiteten Geburt erkundigen. Auch eine außerklinische Geburt kann für manche Frauen eine Option sein. Entscheidend ist für mich aber vor allem: aktiv bleiben, Entscheidungen mittragen, Alternativen erfragen und sich nicht einfach aus der Verantwortung nehmen lassen. Welche langfristigen Effekte hatte die Studie? Haben die beteiligten Kliniken ihre Kaiserschnittrate dauerhaft gesenkt oder Elemente des Be-UpKonzepts übernommen? Das haben wir im Nachgang nicht mehr verfolgen können, da die finanzielle Förderung zeitlich begrenzt war. Was wir allerdings wissen: Die Be-UpMaterialien, die eigens für die Studie entwickelt wurden, kommen inzwischen auch in anderen Kliniken zum Einsatz, ebenso in Geburtshäusern und in Hochschulen für die Hebammen-Ausbildung. Die nächste Generation lernt also viel selbstverständlicher, Gebärpositionen wie den Vierfüßlerstand oder eine Geburt auf einer Matratze umzusetzen. Warum ist das so wichtig? Weil das, was wir sehen und lernen, unser Handeln prägt. In Lehrbüchern werden Geburten noch immer häufig in Rückenlage dargestellt. Wenn man andere Positionen nicht kennt oder nicht geübt hat, ist es schwieriger, sie in der Praxis zu ermöglichen. Deshalb ist es wichtig, dass Bewegung und aufrechte Gebärhaltungen schon in der Ausbildung ganz normal werden. Dass man die Begleitung einer spontanen Geburt auch verlernen kann, zeigt das Beispiel der Türkei, wo ich viele Jahre gelebt habe. In manchen Kliniken lag die Kaiserschnittrate bei 80 Prozent. Der Kaiserschnitt gehört dort zum Standard, manche Ärzte wissen gar nicht, wie sie eine spontane Geburt begleiten sollen, einfach weil ihnen die Erfahrung fehlt. Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Faktoren wie Zeitdruck, Personalmangel oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen beim Thema Kaiserschnitt? Offiziell sollte der wirtschaftliche Druck natürlich keine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt spielen. Aber ein Krankenhaus muss sich tragen, und eine Geburtsstation muss ebenfalls wirtschaftlich funktionieren. Gleichzeitig betreuen Hebammen heute teilweise vier bis sechs Frauen gleichzeitig. Das bedeutet enormen Druck. Wenn eine Hebamme bei einer Frau in Ruhe bleiben möchte, weiß sie gleichzeitig, dass nebenan weitere Frauen ihre Unterstützung brauchen. Wenn Sie ein bundesweites Programm zur Senkung der Kaiserschnittrate entwickeln dürften: Welche drei Maßnahmen würden Sie zuerst umsetzen? Erstens brauchen wir mehr Hebammen in den Kliniken und damit mehr Zeit für die Frauen. Zweitens sollten Frauen die Zeit bekommen, die sie für den Geburtsverlauf brauchen. Und drittens brauchen wir eine bessere sektorübergreifende Zusammenarbeit, also zwischen Schwangerschaftsvorsorge, Hebammen, Gynäkologie und Klinik. Und diese Zusammenarbeit sollte frauenzentriert sein, also darauf eingehen, welche Wünsche und Vorstellungen die Frau hat. Wenn eine Schwangere Sie heute fragt: „Was kann ich tun, um die Chance auf eine selbstbestimmte Geburt zu erhöhen?“ – was würden Sie ihr antworten? Informieren Sie sich. Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme und Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin über die Geburt und darüber, was Ihnen wichtig ist. Fragen Sie nach Alternativen und beteiligen Sie sich an Entscheidungen. Und bleiben Sie handelnd. Eine Geburt ist eine enorme Leistung. Wenn eine Frau das Gebären als etwas Positives erlebt, das sie selbst bewältigt und mitgestaltet hat, kann daraus eine große Stärke entstehen, die im besten Fall über die nächsten 18 Jahre trägt, bis aus dem Neugeborenen ein erwachsener Mensch geworden ist. www.be-up.info Infos zur Studie & die Be-Up-KreißsaalAusstattung gibt es unter:

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