Bildung daheim – das Corona-Experiment

Datum: Donnerstag, 30. April 2020 15:10

Das Schulbarometer: Wird jetzt zurückgebildet?

Das Institut für Bildungsmanagement und Bildungsökonomie (IBB) hat im deutschsprachigen Raum, also neben Deutschland auch in Österreich und der Schweiz, eine groß angelegte Studie zu den aktuellen Herausforderungen in Schule und Bildung aufgrund SARS-CoV-2 durchgeführt. Die ersten Ergebnisse wurden im aktuellen Schul-Barometer Ende April frisch publiziert. Interessierte finden die detaillierte Auswertung unter
www.schulbarometer.net.

Die Umfrage erfasste Lehrende, Schüler, Eltern und Mitarbeiter im schulischen Bereich. Insgesamt nahmen über 7.000 Personen teil. Die Ergebnisse in diesem Stimmungsbarometer sind ähnlich durchwachsen wie unsere einleitenden Erkenntnisse, aber überwiegend positiv bzw. mit einer positiven Entwicklung versehen. Einem spürbaren Schub bei der Digitalisierung der Bildung steht ein Schereneffekt gegenüber, der sowohl Schüler als auch Eltern und Schulen betrifft. Bildungsverlierer der aktuellen Situation werden vor allem Kinder aus sozio-ökonomisch schlechter gestellten Haushalten und solchen Schulen sein, an denen ihr Anteil überwiegt. Gründe werden in einem Zusammenspiel verschiedener Merkmale wie technischer Bedingungen (schlechte Ausstattung mit Geräten und aktueller Software), räumlicher Situation (mit vielen Personen auf engem Raum), geringer zeitlicher und emotionaler Ressourcen der Eltern oder der Geschwister gesehen. Insgesamt fallen zwei Gruppen von Schülern auf: Die einen finden es gut, in ihrem eigenen Lerntempo und -rhythmus selbstbestimmter zu arbeiten, sie lernen nach eigenen Aussagen jetzt effektiver, kommen gut mit der Situation zurecht. Die anderen haben Probleme, u.a. im Hinblick auf die Strukturierung ihres Tages, ihrer Aufgaben und ihrer Motivation. Ihre tägliche Lernzeit liegt zudem deutlich unter dem Durchschnitt. Hier einige der wesentlichen Ergebnisse, bewusst mit eher kritischem Blick gefiltert, im Überblick:

  • Jeweils rund die Hälfte der Befragten, insbesondere ein Drittel der Eltern, gibt an, dass es ihren Kindern nicht gelingt, sich auf die anderen Lernweisen/Lernmethoden einzulassen. Die Kinder würden zuhause selbstständig an ihren Aufgaben arbeiten, aber in der aktuellen Situation viel Unterstützung bei der Bewältigung der schulischen Aufgaben benötigen.
  • Für ein Drittel der Eltern ist es eine echte Herausforderung, ihr Kind/ihre Kinder zuhause bei den schulischen Aufgaben zu unterstützen.
  • Nur ein Viertel der Schülerinnen und Schüler lernen gemeinsam mit ihren engsten Freunden via bspw. Telefon oder Skype.
  • Die Hälfte der Schülerinnen und Schüler geben an, dass sie beginnen, die Schule (eher) zu vermissen.
  • 12 Prozent der Schülerinnen und Schüler geben nach der zweiwöchigen Schule daheim an, dass die Absprachen mit der Lehrperson nicht gut funktionierten. Nach einer Woche waren dies noch 18 Prozent.
  • Für die Kommunikation mit Schülern ist der E-Mail-Verkehr aus Sicht aller Befragungsgruppen das am häufigsten verwendete Medium (Schüler: 83 %, Mitarbeitende der Schule: 66 %, Schulleitungen: 65 %, Eltern: 68 %).
  • Danach folgen in annähernd gleicher Bedeutung andere Medien (Handy, Online-Plattformen bzw.Papierausdrucke, Arbeitshefte).
  • Eltern wünschen sich für ihre Kinder bei der offenen Frage u.a. mehr Kontakt und Live-Phasen mit ihren Lehrerinnen und Lehrern und den Mitschülern.
  • Die privaten Haushalte sind offenbar gut für den digitalen Fernunterricht ausgestattet. Nur 15 Prozent berichten von nicht ausreichender Ausstattung. Allerdings kann die Stichprobe auch eine Positivstichprobe sein. Wahrscheinlich gibt es hier eine Dunkelziffer. In den Schulen wird deutlich häufiger von unzureichender Ausstattung berichtet (rund 45 %).
  • Die Ergebnisse zeigen, dass kaum institutionalisierte Live-Kommunikation zwischen Lehrer-Schülern und Schüler-Schüler stattfindet.
  • Es wird wenig Individualisierung und Differenzierung forciert.
  • Etwa ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler gibt an, dass die Absprachen mit der Lehrperson nicht gut funktionieren.
  • 23 Prozent der Eltern sind (eher) besorgt über den Lernverlauf ihrer Kinder. Ein etwas größerer Anteil der Eltern, nämlich 32 Prozent, zeigt sich dagegen (eher) nicht besorgt.