„Kackbratze ist doch ein schönes Wort“

Datum: Montag, 28. April 2014 09:49

Foto: Olivier Favre

Interview mit Schauspielerin und Kinderbuchautorin Ann-Kathrin Kramer

Ann-Kathrin Kramer gehört zu den bekanntesten deutschen Schauspielerinnen und war schon in unzähligen Fernsehfilmen zu
sehen. In diesem Frühjahr hat sie ein Kinderbuch veröffentlicht: „Neues von Matilda, dem Mädchen aus dem Haus ohne Fenster“ ist nicht nur unterhaltsam, sondern beeindruckt durch Themen, die man in einem Kinderbuch eher nicht erwartet. So handelt eine der Geschichten mit Matilda zum Beispiel von Kindesmissbrauch – einem Thema, dem sich Ann-Kathrin Kramer auch bei ihrem sozialen Engagement widmet. Für die lausebande Anlass genug, sich über ihre Beweggründe für das Buch, aber auch über die Bedeutung familiärer Werte in ihrem Leben zu unterhalten:

Frau Kramer, Sie sind als Schauspielerin sehr erfolgreich, wie kamen Sie zum Kinderbuchschreiben?
Die erste Matilda-Geschichte habe ich im Jahr 2005 für ein Charity-Projekt geschrieben. Daraufhin hat mich ein Verlag angesprochen, ob ich das nicht ausbauen möchte und so kam es zum ersten Buch. Dann hat mir bei aller Schauspielerei lange die Zeit gefehlt, aber vor einem Jahr wurde das erste Matilda-Buch neu aufgelegt und parallel habe ich den Nachfolger fertiggestellt.

Wird Matilda jetzt die neue Pippi Langstrumpf?
Ich habe Kindern und Eltern zwar bei vielen Lesungen offensichtlichen Spaß bereitet, aber Pippi Langstrumpf ist sicher zu hoch gegriffen....

und bei Kackbratze wird immer geschmunzelt?
Kackbratze ist doch auch ein schönes Wort, oder?

Was hat es eigentlich mit dem Haus ohne Fenster auf sich?
Dieses Haus ohne Fenster gibt es tatsächlich. Es gehörte meinem Vater und war eine ehemalige Fabrik. Diese Ziegelbauten haben oft zu einer Seite keine Fenster. In solch einem Haus habe ich als Kind gewohnt. Erst viele Jahre später erzählte mir jemand, dass sie mich früher immer „die aus dem Haus ohne Fenster“ genannt haben. Das klang so geheimnisvoll, als hätte ich im Dunklen oder in einer ganz ominösen Welt gelebt und das hat mir gefallen.

Wie viel Autobiografie steckt noch in dem Buch?
Das habe ich natürlich nicht alles erlebt. Die Geschichten sind viel eher aus dem Gefühl und aus Emotionen heraus geschrieben. Es gibt natürlich immer eine Anlehnung an Erinnerungen, Erzählungen oder Beobachtungen aus meinem Leben. Meine Buchheldin Matilda hat aber ihr ganz eigenes Leben mit einem eigenen Charakter erhalten.

Matilda denkt sich recht spektakuläre Mutproben aus, waren Sie als Kind auch mal nackt zur Kirmes oder haben Sie eine lebende Spinne verspeist?
Ich weiß noch, dass ich als Kind Regenwürmer verspeisen musste. Das war unsere Mutprobe! Ich fand das auch gar nicht schlimm. Aber heute würde ich das garantiert nicht mehr machen.

Im Internet ist nachzulesen, dass Sie sich damals mit Jungs im Weitpinkeln gemessen haben, ist da was dran?
Ich habe mich als Mädchen in allem Möglichen mit Jungs gemessen, aber sicher nicht darin. Das ist definitiv ein Märchen. Aber es ist eine gute Idee – daraus könnte man sicher eine schöne Geschichte im nächsten Matilda-Buch machen.

Wie waren Sie als Mädchen, eher Ronja Räubertochter oder Prinzessin?
Auf jeden Fall keine Prinzessin! Ich war eher ein wildes Mädchen und einfach gerne draußen und mit anderen Kindern unterwegs.

Im Buch thematisieren Sie mit Kindesmissbrauch auch ein sehr ernstes Thema, gehört das wirklich in ein Kinderbuch?
Ich habe versucht, mit meinen Matilda-Geschichten die Lebenswirklichkeit von Kindern darzustellen. Im ersten Buch klaut Matilda auch oder bekommt mal eine Backpfeife. Es soll nicht alles nach der großen heilen Welt aussehen. Den Kindern soll mit diesen Geschichten auch die Möglichkeit geboten werden, beim Vorlesen am Abend über solche Dinge zu quatschen. Da fand ich es einen guten Gedanken, Kindern und Familien auch das zuzumuten. Sie sollten erfahren, dass es so etwas auch auf dieser Welt gibt. Dass sie aber auch wissen: hier bei meinen Eltern bin ich in Sicherheit und kann auch darüber reden, wenn mir etwas komisch vorkommt.

Haben Sie zum Thema Kindesmissbrauch schon Resonanz von Eltern oder auch Kindern erhalten? Was sagen die denn dazu?
Das Buch ist ja erst seit Kurzem im Handel erhältlich. Auf einer ersten Lesung habe ich eher die lustigen Geschichten ausgewählt. Aber ich bin sehr gespannt auf die Reaktionen. Schon beim ersten Buch bekam ich sehr viel Post von Kindern, die zu manchen Geschichten etwas geschrieben oder Rat gesucht haben. Nicht, dass ich ihnen einen Rat geben könnte, aber es ist schön, dass Kinder so sehr in die Geschichten eintauchen können.

Ab welchem Alter halten sie das Buch für geeignet? Es liest sich ja für Eltern auch recht amüsant ...
Das war mich auch wichtig, dass man sich beim Vorlesen auch nicht langweilt. Empfehlen würde ich das Buch so zwischen 6 und 8 Jahren. Ich kenne aber auch 12-jährige Mädchen, die sich total darüber amüsieren.

Sie und Ihr Mann engagieren sich seit über einem Jahrzehnt gegen Kindesmissbrauch, kommt Ihnen das seit Jahren zunehmende Medieninteresse entgegen?
Auf eine bestimmte Art und Weise schon. Man muss aber differenzieren, was wirklich wichtig ist, damit das Thema aus diesen dunklen Tabuecken herauskommt. Auch Kinder sollten gehört haben, dass es das gibt und dass es nicht in Ordnung ist. Sie sollten wissen, wo sie Hilfe finden und sich hinwenden können. Es ist ein großer Erfolg, dass die Aufmerksamkeit zugenommen hat. Wir brauchen aber mehr neutrale Stellen, die den Kindern auch bekannt sind.

Als Familienmagazin darf auch eine Frage zur Familie nicht fehlen: Sie leben als Schauspieler-Paar mit Ihrem Sohn inmitten der Pubertät unter einem Dach, wer sorgt für die größeren Dramen?
Wir wechseln uns gerne ab. Dabei sind wir gar nicht so dramatisch. Wir sind dann doch eher, man mag es gar nicht glauben, gemütlich.

Welche Bedeutung hat Familie in ihrem Leben?
Eine ganz wichtige Bedeutung! Wenn ich wählen müsste, würde ich mich immer für die Familie entscheiden. Das ist für mich lebenswichtig.

Sie leben abseits des Glamours im Fachwerkhaus im Bergischen Land, warum nicht in der Glitzer-Metropole?
Weil wir oft genug berufsbedingt im Mittelpunkt stehen. Das genügt. Deshalb sind wir darauf angewiesen, einen Ausgleich zu haben und im Gegenzug ein ganz normales Leben zu führen, bei dem wir und unsere Arbeit nicht von Bedeutung sind. Das ist auf dem Land leichter als in der Stadt. Man ist hier ganz normal wie jeder andere – und nicht anderes sind wir ja auch.

Zurück zu Schauspiel und Schriftstellerei: Wenn Ihre Matilda einmal verfilmt wird, welche Figur aus dem Buch würden Sie gern spielen?
Ich spiele die Matilda (lacht). Oder die böse Nachbarin Frau Meier. Oder wenn es mit dem Film länger dauert, dann könnte ich auch die Oma Elli spielen.

Gibt es ansonsten eine Traumrolle für Sie, eine Figur, die Sie gern vor der Kamera verkörpern würden?
Um ehrlich zu sein, habe ich erst kürzlich darüber nachgedacht. Aber mir ist keine Rolle eingefallen, zu der ich sagen würde, das möchte ich unbedingt spielen. Da muss ich leider passen.

Danke für das sympathische Gespräch.