lausitzDADDY Sommer/2019

Datum: Freitag, 28. Juni 2019 09:50


Kurz vor dem Sommer jagt ein wichtiger Termin den nächsten, es ist einfach schrecklich. Hier ein Empfang, da ein Sommerfest, kurz vor dem Urlaub stapelt sich die Arbeit und fast jeden Abend lädt ein wichtiges Netzwerk zu Feierlichkeiten, bei denen man nicht fehlen darf. Rund um die Zeugnisausgabe meiner Kids war ich die komplette Woche abends ausgebucht. Kein lecker Zeugnisessen, das muss noch warten. Meine Kleine murrte. Ich murrte zurück: Für Papa sei das auch kein Vergnügen, das ist am Ende alles Arbeit. Netzwerken nennt man das. So, wie sie mit ihren Freundinnen ja immer zu den Hausaufgaben mit dem Handy netzwerkt. Angeblich. Augenzwinkern. Da ging die Miniversion von Mama an die Decke. Von wegen Arbeit, ich trage ja nur meine schönen Schuhe spazieren und fresse mich durchs Buffet, während die Kinder zu Hause am Salat nagen, weil wegen mir das Zeugnisessen beim Italiener ausfällt. In diesem Moment war der Superpädagoge in mir wieder schneller als das Hirn: Sie könne ja zum Sommerempfang mitkommen und sich dort langweilen, während Papa hart an Kontakten arbeitet und für die Firma Aufträge organisiert. Ich war mir sicher, dass sie keinen Bock auf wichtige Herren und Damen mit geschäftigem Gehabe hat. Aber es kam anders.

Sie ahnen, statt weiter zu murren, nahm mich mein Töchterchen beim Wort. Mein „... so war das nicht gemeint“ wurde kollektiv ignoriert und auf meine flehenden Blicke hin sagte meine bessere Hälfte, das habe sich der soooo wichtige Geschäftsmann und Netzwerker schließlich selbst eingefangen. In sein Netz. Klasse Netzwerker eben. Die kleine und die große Lady lachten, ich schwitzte. Zwei Stunden später fuhr ich mit meiner Kleinen zum Sommerfest eines Wirtschaftskreises. Unterwegs belehrte ich „Miss Wichtig“, dass sie sich bei den Erwachsenen doch bitte etwas zurückhalten soll. Als wir eintrafen, war sie natürlich der einzige Gast auf halber Höhe. Bei der Anmeldung bekam ich mein Namensschildchen und die Hostessen blickten verwundert auf meine Begleitung. Ich sagte kurz, dass meine Tochter natürlich kein Schildchen braucht. Die Kleine rollte mit den Augen und parodierte am Anmeldetisch meine Autoansprache und das „Miss Wichtig“ sich doch im Hintergrund halten solle. Wenn Blicke umbringen könnten. Alle drei Damen des Anmeldebereichs kümmerten sich sofort um das schönste Namensschild des Abends. Schließlich prangte „Miss Wichtig“ und dazu meine Firma in bunt auf dem sonst ja immer sachlichen Namensschild meiner Tochter. Ich ahnte nichts Gutes.

Nach Begrüßung und kurzem Kulturgenuss war die lockere Sommerparty für Gespräche und Häppchen eröffnet. Ab diesem Zeitpunkt war meine Kleine von Anzugträgern und Business-Ladys umringt. Wirklich jeder wollte mit Miss Wichtig sprechen. Was denn ihre Aufgabe in der Firma sei? Wie sie so über die Arbeit ihres Vaters denkt. Welcher Trend in der Kreativbranche ansteht? Und schließlich befragten alte Herren meine kleine Tochter, was sie von der Sommerparty halte ... ich fiel vom Glauben ab. Keine Stunde später stand am Buffet eine Zuckerwattemaschine und eine alkoholfreie Erdbeerbowle, der DJ streamte wie ein wilder Taylor Swift und andere Lieblingsstars meiner Kleinen für die Tanzfläche. Zwei weitere Stunden später leitete meine Kleine eine Tanzgruppe betagter Geschäftsfrauen beim Shuffle Dance auf der Tanzfläche an und zeigte ihnen, wie man das bei TikTok per Video aufnimmt und teilt. Am Ende des Abends hatten alle Ladys einen eigenen TikTok-Kanal und alle Männer sagten mir, was für ein tolles Familienunternehmen ich da wohl führe. Meine Kleine hatte über 80 Visitenkarten in ihrem FjällRäven-Rucksack und 47 Follower mehr auf TikTok und Instagram. Ich hatte ganze drei Visitenkarten im Sakkotäschchen. Zuhause berichtete sie von Papas schwerer Netzwerkarbeit, die eigentlich viel besser als ein Zeugnisessen ist. Gleich am Folgetag trafen Mails ein, ich solle zu den nächsten Events doch unbedingt Miss Wichtig mitbringen. Und meine Kleine zeigt mir ständig Videos, in denen „ihr Netzwerk“ neue Moves versucht. Verdammt, bin ich von gestern.

Euer lausitzDADDY