Oh wie süß!

Datum: Mittwoch, 29. Mai 2019 11:58


Zucker: Glücklichmacher oder weißes Gift?

Was macht zu viel Zucker mit unseren Kindern? Für seinen Film „Voll verzuckert“ macht der Australier Damon Gameau den Selbstversuch: Er konsumiert zwei Monate lang täglich 120 Gramm Zucker und damit so viel wie der Durchschnittsaustralier. Zuvor hatte er sich weitgehend zuckerfrei ernährt. Was macht das mit seinem Körper? Der Zuschauer kann die negativen Folgen des Zuckers auf Gameaus Körper miterleben: Gewichtszunahme, Fettleber, miserable Blutwerte, fehlende Konzentration. Dabei hat er noch nicht einmal mehr Kalorien als früher zu sich genommen. Er hat weder Eis, noch Kuchen oder Schokolade gegessen. Er hat sich auf vermeintlich gesunde Lebensmittel wie Fertigmüsli, Smoothies und Joghurt beschränkt. Dennoch sind die Auswirkungen so erschreckend, dass man die Schokolade, die man während des Films nascht, sofort angewidert zur Seite schiebt. Das Experiment mag etwas übertrieben sein, der Film ein wenig schrill, dennoch ist er allein wegen seiner Exkurse in die Zuckerindustrie, in die Fast-Food-Nation USA und zu den Aborigines sehenswert. In den USA begleitet der Australier einen Jugendlichen, dem wegen steten Limokonsums seit der frühen Kindheit alle Zähne gezogen werden müssen.

Süßes: Lust oder Last?
Wer nun an das glückliche Lächeln denkt, dass auf jedem Kindergesicht erscheint, wenn man ihm Eis oder Kuchen vorsetzt, der mag den Film und seine Warnung für übertrieben halten. Süßigkeiten gehören halt zu einer glücklichen Kindheit dazu und wenn man es nicht übertreibt, passiert schon nichts. Ganz so einfach ist es nicht.
Natürlich ist Süßes die Leibspeise vieler Kinder. Schon mit der Muttermilch werden sie an süßen Geschmack gewöhnt. Und in der Regel behalten sie die Vorliebe für Süßes für viele Jahre. Daher wird es auch in Zukunft keinen Sommerurlaub ohne Eis, keinen Kindergeburtstag ohne Kuchen und keine Einschulung ohne Zuckertüte geben. Doch wer sich mit den möglichen Folgen zu hohen Zuckerkonsums auf die Gesundheit etwas näher beschäftigt, der wird beim nächsten Kindergeburtstag vielleicht doch lieber eine Schüssel Melone statt Gummibärchen zum Kuchen stellen.

Zucker und seine gesundheitlichen Folgen
Unter Wissenschaftlern besteht weitgehend Einigkeit, dass zu viel Zucker folgende Erkrankungen verursacht: Übergewicht und Fettleibigkeit, Diabetes Typ II, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Karies. Im aktuellen Gesundheitsbericht Diabetes heißt es: „Nach der gegenwärtigen Datenlage kann die kausale Beziehung zwischen Zuckerkonsum, Übergewicht/Adipositas und Diabetesrisiko als gesichert gelten.“ Und etwas weiter hinten werden die konkreten Folgen darauf für Kinder und Jugendliche verdeutlicht: „Die Adipositas (krankhaftes Übergewicht, Fettleibigkeit) ist die häufigste chronische Erkrankung im Kindes- und Jugendalter geworden.“ In Zahlen heißt das: 13 Prozent aller Kinder in Deutschland sind übergewichtig, sechs Prozent sogar adipös, also stark übergewichtig.

Wenn man sich die Zahlen für Brandenburg anschaut, zeigt sich, dass vor allem im Laufe der Schulzeit viele Kinder fettleibig werden. Bei den Dreijährigen sind nur 16 von 1.000 Kindern stark übergewichtig, bei den Jugendlichen schon 92 von 1.000. Generell gibt es heute mehr dicke Kinder als noch vor zehn Jahren. Auch die Zahlen der Kinder, die an Diabetes Typ II, erkranken, hat sich drastisch erhöht. Die Neuerkrankungen haben sich in den vergangenen zehn Jahren verfünffacht. Die Krankheit galt früher als Alterserkrankung. Dagegen hat sich die Zahngesundheit leicht verbessert. Allerdings ist der Anteil der Kinder mit Karies immer noch relativ hoch. Jeder dritte Vorschüler hat bereits Karies, bei den 15-Jährgen ist es schon fast jeder Zweite.

Die Erfahrung zeigt, dass sich Übergewicht bei den wenigsten Kindern mit der Pubertät herauswächst. Die meisten dicken Kinder werden dicke Erwachsene. Die langfristigen Folgen von Übergewicht, die ihnen drohen: Bluthochdruck, erhöhtes Risiko für Diabetes II, Schlaganfall, Herzerkrankungen, Leberzirrhose/ Schrumpfleber, psychische Leiden wie Depression.
Es gibt auch erste Studien, die darauf hindeuten, dass das Gehirn schrumpft, wenn man regelmäßig zu viel Zucker ist. Das Gehirn braucht zwar viel Energie aus Zucker, aber den holt es sich auch aus Kohlehydraten, wie sie in Brot oder Nudeln vorkommen. Traubenzucker liefert zwar kurzfristig Energie, hält aber nicht lange an. Das kann man gut an sich selbst beobachten. Wer in Stresssituationen nach Süßem giert, erlebt nach einem Schokoriegel ein kurzes Hoch, bevor danach wieder ein Stimmungstief folgt.

Zucker wird zudem nachgesagt, dass er ähnlich süchtig macht wie harte Drogen. Bekommt der Körper Süßes, schüttet das Gehirn das Glückshormon Dopamin aus. Ist das verbraucht, giert er nach mehr Zucker. So kann sich ein Teufelskreis in Gang setzen, bei dem der Körper nach immer mehr Zucker verlangt. Wer mal eine Weile auf Süßigkeiten verzichtet (z.B. in der Fastenzeit), wird merken, dass es in den ersten Tagen besonders schwer fällt. Dann aber lässt die Gier nach Süßem nach. Man kann also dem Körper die „Zuckersucht“ mit starkem Willen durchaus abgewöhnen.

Cola und Saft: Tsunami für die Leber
Besonders problematisch für den Körper sind zuckerhaltige Getränke. Egal ob Cola, Limo, Eistee, Kakao, Saft oder Smoothie: Sie alle versorgen den Körper in relativ kurzer Zeit mit relativ viel Zucker. Experten sprechen von einer Art Tsunami. Die Leber wird mit Zucker geflutet und der Körper reagiert darauf mit erhöhter Insulinproduktion, überflüssiger Zucker wird in Fett umgewandelt. Auf Dauer führt das zur Fettleber. Diese galt früher als Folge überhöhten Alkoholkonsums. Heute gibt es immer mehr Menschen, die aufgrund ungesunder Ernährung an einer Fettleber leiden.
Daher empfiehlt der Münchner Kinder- und Jugendarzt Professor Berthold Koletzko von der Stiftung Kindergesundheit: „Säuglinge und Kleinkinder sollten Fruchtsaft so zurückhaltend trinken wie Erwachsene Champagner. Saft ist kein alltägliches Lebensmittel, sondern vielmehr etwas, das zu besonderen Anlässen genossen werden darf.“
Im Übrigen: Wer das jetzt liest und denkt, naja, vielleicht naschen wir manchmal zu viel, aber wir sind in der Familie alle schlank, der sollte bedenken: Auch normalgewichtige Menschen erkranken an Diabetes und können erhöhte Blutfettwerte haben. Der Prozess passiert schleichend über Jahre, ohne dass man es gleich merkt.
Zucker soll also der Schuldige sein für immer mehr „Zivilisationskrankheiten“? Diesen direkten Zusammenhang bestreitet die Lebensmittelindustrie, allen voran die Zuckerindustrie, bis heute vehement und finanziert ausgewählte Wissenschaftler, die in ihrem Sinne argumentieren. Man fühlt sich bei dieser Debatte ein wenig erinnert an die Diskussion um Tabak und seine gesundheitlichen Folgen, die in den 1960er-Jahren ebenso leidenschaftlich geführt wurde. Damals wurden die positiven Aspekte des Rauchens betont, eine süchtig machende Wirkung von Tabak bestritten. Heute gilt das, was Ärzte und Ernährungswissenschaftler auch für zuckerhaltige Lebensmittel fordern: Werbeverbot und hohe Besteuerung.
Bisher lässt die Politik der Lebensmittelindustrie noch freie Hand. Eine Lebensmittelampel wird schon lange diskutiert, ist aber weiterhin nicht in Sicht. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner nimmt sich dem Thema stattdessen mit einer „Nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie für Zucker, Fette und Salz“ an. Ihr Ziel: Bis 2025 sollen diese beliebten aber ungesunden Inhaltsstoffe in verarbeiteten Lebensmitteln deutlich reduziert werden. Kindermüsli z.B. soll mit 20 Prozent weniger Zucker auskommen. Allerdings setzt sie auf eine Selbstverpflichtung der Industrie. Ob diese den Zucker tatsächlich freiwillig reduzieren wird, ist mehr als ungewiss.