„Man kommt an seine Grenzen“

Datum: Donnerstag, 01. März 2018 09:25

 

Ein Aneurysma ihrer Mutter stellte Steffi Hoffmanns Leben auf den Kopf. Nun versucht sie, Beruf, Pflege und Familie zu managen.

Der 23.1.2011 sah für Steffi Hoffmann erst nach einem ganz normalen Sonntag aus: Leichte Katerstimmung lag von Samstagnacht noch in der Luft, und wie so oft telefonierte Steffi mit ihrer Mutter Ramona. Sie wollte am Sonntagabend bei Steffi zu Besuch kommen, und klagte ebenso wie Steffi über leichte Kopfschmerzen. Ramona war am Abend zuvor aber nicht aus, sie hatte auch keine Migräne. In ihrem Kopf schlummerte eine tickende Zeitbombe: ein Aneurysma. So bezeichnet man die krankhafte Aussackung einer Schlagader, die oft spindel- oder sackförmig aussieht. Reißt ein Aneurysma ein, kann eine lebensgefährliche innere Blutung entstehen. Am späten Abend des 23.1.2011 sollte sich so das Leben der ganzen Familie verändern. Ein ergreifendes Interview mit einer starken Tochter, die im jungen Alter miterleben musste, wie ihre Mutter zum Pflegefall wurde – und mit ihr jetzt Stück für Stück die Normalität im Alltag zurückerkämpft.

Wie hat alles angefangen?

Ich war zu Hause und erwartete meine Mutti, mit der ich den Abend verbringen wollte. Sie war das Wochenende bei Ihrem Freund. Es wurde immer später, bis das Telefon klingelte. Ich dachte, jetzt ruft sie an und sagt, dass sie sich auf den Weg macht. Aber es kam anders. Ihr Freund war am Telefon. Er sagte mir, dass meine Mutti plötzlich nicht mehr ansprechbar war und ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich rief gleich im Krankenhaus an, doch dort konnte mir zunächst keiner was sagen. Ich musste abwarten und um 1 Uhr in der Nacht nochmal anrufen. Mit meiner besten Freundin Peggy an meiner Seite bekam ich den Chefarzt um 1 Uhr endlich ans Telefon. Sie mussten meine Mutti notoperieren, mehr würden sie mir morgen sagen.

Wann haben Sie dann von der Erkrankung erfahren und was war das für ein Moment?

Am nächsten Tag musste ich auf die intensive Station, da lag jetzt meine Mutti. Aber bevor ich zu ihr durfte, hatte ich ein Gespräch mit einem Arzt. Er erklärte mir die Erkrankung (Aneurysma), dann erzählte er von der OP, dass die Blutung sehr stark bei ihr im Gehirn war, dass vieles beschädigt wurde, so dass sie noch mal operiert werden muss und dass es sein kann, dass sie die Operation nicht überleben wird.

Meine Welt brach zusammen. Ich wollte nur noch zu ihr, habe sie aber nicht mehr wiedererkannt: Überall Infusionen, dann noch die Beatmungsmaschine, ihr Kopf zugebunden. Ich hoffte nur, dass ich träume und wieder wach werde.

Ich musste zum Betreuungsgericht, da meine Mutti nicht mehr in der Lage war zu bestimmen, welche weiteren Behandlungen und Operationen im Krankenhaus gemacht werden dürfen oder nicht. So wurde ich zu ihrem Vormund.

War von vornherein klar, dass sie ihre Mutter selbst pflegen werden?

Mit meiner Oma habe ich mir viele Pflegeheime in Cottbus angesehen. Ich konnte mich nicht damit abfinden, meine Mutter in ein Heim zustecken. Sie war erst 42 Jahre alt – viel zu jung für ein Heim.

Inwiefern hat Ihnen auch Ihr Arbeitgeber geholfen, um sie zu entlasten?

Ich habe einen 30-Stunden-Vertrag bei der Sovita GmbH, wodurch ich die Freizeit für meine Mutti nutzen kann und natürlich auch für meine kleine Familie, die nicht zu kurz kommen darf. Ich arbeite dort selber in der Pflege und nehme immer wieder Wissen mit nach Hause. Was mir auch hilft, ist, dass mir die Arbeit mit den Menschen einfach Freude bereitet und ich mit einem guten Gefühl auf Arbeit gehe. Trotzdem ist es nicht leicht, Pflege, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Einer muss immer mal zurückstecken, man kommt auch mal an seine Grenzen, das ist ganz normal.

Wie sieht jetzt ein typischer Tag für Sie aus?  

Einen typischen Tag gibt es nie, denn er ist jeden Morgen anderes. Wenn der Arbeitsalltag beginnt, teile ich mir die Aufgaben mit meinem Mann. Früh gehe ich auf Arbeit, mein Mann bringt das Kind in den Kindergarten. In der Zeit kommt das ambulante Pflegepersonal der Sovita GmbH zu meiner Mutti, sie wird gegen 9 Uhr zur Tagespflege abgeholt. Nach der Arbeit hole ich meine Tochter von der Krippe ab, kurz danach kommt auch schon meine Mutti nach Hause. Dann wird geredet und mit meiner Tochter gespielt und gegen Abend wird das Abendbrot gemacht. Wenn meine Mutti ins Bett möchte, helfe ich ihr bei der Abendpflege und bringe sie ins Bett. Wenn alles funktioniert, sieht so ein typischer Arbeitstag für mich aus. Die ambulante Pflege können wir aber individuell gestalten: Habe ich Frühdienst, kommt früh nur die Pflege, habe ich Spätdienst, kommt die Pflege zum Abend und wenn ich frei habe, kommt keiner, da mache ich die Pflege bei meiner Mutti. Unter der Woche geht sie zu einer Tagespflege, wo Demenzkranke betreut werden.

Wie geht es Ihnen mit dieser Situation?

Auch wenn das Geschehen schon vor Jahren war, hat es mich emotional wieder aufgewühlt. Dennoch fühle ich mich gut – aber nur weil ich weiß, dass es meiner Mutti gut geht. Ich sehe, was sie in den ganzen Jahren für Fortschritte gemacht hat, mit denen keiner gerechnet hätte. Ich bin so stolz auf sie, dass sie so einen starken Willen hat und sich so akzeptiert wie sie jetzt ist.

Haben sie gewusst, welche Belastung sie mit der Pflege eines Angehörigen erwartet?

Ich wusste, dass es nicht leicht wird, aber ich wusste, dass es meiner Mutti und mir damit besser gehen wird, wenn wir die Pflege zu Hause machen.

Würden sie alles wieder so machen?

Ich würde alles wieder so machen, denn nur so hat es meine Mutti geschafft, wieder am Leben teilzunehmen.

Ich würde gerne noch eine Danksagung machen. Danke Oma, dass du in den schweren Zeiten für uns da warst und bist und danke auch an meine Freundin und natürlich an meinen Mann!