
Wie wir unsere Kinder beim Abschied von der Windel achtsam begleiten können.
Der Abschied von der Windel ist ein Thema, das viele Eltern bewegt. „Meine Kinder waren mit zwölf Monaten trocken", heißt es nicht selten. Sätze, die verunsichern, Aussagen, die Erwartungen wecken und junge Eltern unter Druck setzen.
In der Vergangenheit galt es oft, Kinder sehr früh „sauber" zu bekommen. Bereits im ersten Lebensjahr begann man mit der „Sauberkeitserziehung" oder dem „Töpfchentraining". Bei dieser Methode werden die Kinder zu festen Zeiten regelmäßig auf die Toilette oder das Töpfchen gesetzt und das Ergebnis entsprechend gewertet. Die Entleerung von Blase und Darm wird so antrainiert. Diese Methode bleibt jedoch selten ohne Folgen. Kinder erleben die Erwartungen der Eltern als Aufgabe, die sie meist noch nicht erfüllen können – sie reagieren mit Stress, Verunsicherung oder sogar Angst. Fachleute aus der Entwicklungspsychologie warnen davor, dass zu viel Druck in dieser sensiblen Phase langfristige Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl, Körpergefühl und die emotionale Stabilität haben kann.
Heute weiß man: Die eigenständige Blasen- und Darmkontrolle ist ein individueller Entwicklungsprozess. Erst die entsprechende neurologische Reifung befähigt Kinder dazu, die Signale von Blase und Darm bewusst wahrzunehmen und zu kontrollieren.
Wie können wir unsere Kinder beim Abschied von der Windel bestmöglich begleiten? Die beziehungsvolle Pflege (nach Emmi Pikler) unterstützt unsere Kinder von Anfang an dabei. Hier werden alltägliche Situationen wie das Füttern, An- und Ausziehen sowie das Wickeln zu wertvoller Beziehungszeit. Durch achtsame, langsame Bewegungen, Blickkontakt und die verbale Begleitung der Handlungen wird das Kind als aktiver Partner einbezogen. Dies stärkt sein Urvertrauen, gibt ihm Sicherheit und fördert sein Körpergefühl sowie seine Wahrnehmung.
Doch wann ist der richtige Zeitpunkt, um windelfrei zu werden? Ein guter Zeitpunkt ist erreicht, wenn das Kind über eine längere Zeit trocken bleibt und Interesse an Töpfen oder Toilette zeigt. Neugieriges Beobachten der Bezugsperson bietet die ideale Gelegenheit, das Kind zum ersten Probesitzen einzuladen. Auch das Lieblingskuscheltier kann spielerisch zeigen, wofür das Töpfchen da ist. Mit Kreativität, Liebe und Respekt lassen sich so die verschiedenen Möglichkeiten der Entleerung vorstellen. Eltern und Geschwister als Vorbilder unterstützen das Kind in seinem Bestreben nach Selbstständigkeit ungemein.
Sobald das Kind weiß, wie Toilette und Töpfchen genutzt werden, ist es an den Bezugspersonen, eine vorbereitete Umgebung zu schaffen, die es dem Kind ermöglicht, beides sicher und eigenständig zu erreichen. Toiletten wirken weniger bedrohlich, wenn eine Sitzverkleinerung sowie ein Tritthocker für das sichere Abstellen der Füße genutzt werden. Auch für das Töpfchen gilt: Ein gut erreichbarer Platz ist wichtig, aber weniger ist oft mehr. Modelle mit Soundeffekten oder Lenkrädern lenken Kinder unnötig ab und erschweren die eigentliche Nutzung. Kleidung, die sich einfach an- und ausziehen lässt, unterstützt den Prozess der Selbstständigkeit zusätzlich. Wir als Bezugspersonen sind da, wenn Hilfe gebraucht wird – ganz nach dem Motto: „Hilf mir, es selbst zu tun“ (Maria Montessori).
Nur selten sind Kinder bereits am Ende des zweiten Lebensjahres windelfrei. Die meisten verabschieden sich erst im Laufe des dritten oder vierten Lebensjahres von ihrer Windel. Wenn Sie also Sätze hören, die vermitteln, dass ein Kind mit 18 Monaten längst „trocken" sein sollte, wissen Sie nun: Geduld ist in diesem Prozess der wirkungsvollste Begleiter. Wenn wir unseren Kindern die Zeit geben, die sie brauchen, gestalten wir den Übergang von leistungsorientiertem Denken hin zu einer beziehungsorientierten Haltung. So wird das Trockenwerden nicht zum Kampf, sondern zu einem weiteren stolzen Schritt in die Selbstständigkeit – damit unsere Kinder gestärkt in ein gesundes Leben starten können!
Bei Unsicherheiten wenden Sie sich gerne an Ihr Regionalnetzwerk vor Ort oder direkt an Ihre Kinderärztin oder Ihren Kinderarzt.
Katharina Lutz
Netzwerk Gesunde Kinder OSL Süd
Quellen:
- Remo Largo: „Babyjahre", S. 516-526.
- Sarah Schmelzeisen-Hagemann: „Aufbau emotionaler Bindungen durch beziehungsvolle Pflege nach Pikler" (www.kita-fachtexte.de).
- Gabriele Haug-Schnabel: „Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitsentwicklung" (2011).





