„2030 ist die Lausitz gefragte Modellregion für Europa“

Datum: Mittwoch, 26. August 2020 12:07


Warum die Lausitz eine gute Heimat für Familien ist und welche Chancen der Strukturwandel ihnen bietet, darüber haben wir mit Frank Seifert gesprochen. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter des Hoyerswerdaer Unternehmens AVI GmbH und Vorstand des Marketingvereins Familienregion Hoy e.V. Im Interview spricht er über Fehler nach 1990 und künftige Visionen.

Sie sind Unternehmer, Familienvater und Lausitzer – was macht die Lausitz aus Ihrer Sicht familienfreundlich?

Wenn ich auf Hoyerswerda schaue, dann ist das sicher die vorbildliche Infrastruktur an Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen. Das ist für eine Stadt dieser Größe doch überraschend. Auch Lausitz-weit verfügen wir dank der DDR-Historie über eine hervorragende Kinderbetreuung und Bildungseinrichtungengen. Die Tatsache, dass die Gemeinden in der Lausitz bis auf Cottbus als quasi-Großstadt alle überschaubar sind, macht die Lausitz ebenfalls familienfreundlich. Für das Wochenende hat die Region mit ihren vielen Freizeiteinrichtungen eine Menge zu bieten. Das ist etwas, dass ich mit meiner eigenen Familie wahrscheinlich viel zu selten genutzt habe. Im Sommer lockt das Seenland. Und auch wirtschaftlich war die Entwicklung in den vergangenen Jahren sehr gut. Es gibt heute genügend gute Arbeit. Einen Hemmschuh in der weiteren Entwicklung sehe ich eher im fehlenden Personal.

Die Lausitz bekommt Milliarden von EU, Bund und Ländern – haben Sie den Eindruck, dass den Menschen hier überhaupt schon bewusst ist, welche Chancen sich daraus ergeben?

Ich glaube, da ist die Region derzeit noch zweigeteilt. Durch die Erfahrungen in den 1990er Jahren haben manche Menschen noch Angst, bei ihnen überwiegt die Skepsis. Dabei bieten sich der Lausitz jetzt durchaus Chancen.

Was muss passieren, damit Familien merken, welche Perspektiven es in der Region gibt?

Ich sehe es als wichtige Aufgabe der Politik und der Medien, aber auch der Unternehmer, diese Chancen noch deutlicher zu kommunizieren, damit hier eine Aufbruchstimmung entsteht. Wichtig ist auch, die Bürger über passende Beteiligungsformate in dem Prozess mitzunehmen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Ideen umzusetzen. Die Kommunalpolitik ist ebenfalls in der Pflicht. Wer sich jetzt am lautesten meldet und die besten Ideen hat, der bekommt das größte Stück vom Kuchen ab. Da sind nach meinem Eindruck beispielsweise Spremberg und Weißwasser besser aufgestellt als Hoyerswerda.

Man hat manchmal den Eindruck, dass die Lausitz sich kleiner macht, als sie eigentlich ist. Warum sind die Menschen hier oft so bescheiden?

Ich würde vielleicht nicht von Bescheidenheit sprechen, sondern von Skepsis und Zurückhaltung. Das liegt sicher darin begründet, dass bis vor wenigen Wochen – auch durch die Corona-Krise – überhaupt noch nicht klar war, ob die zugesagten Strukturhilfen tatsächlich beschlossen werden. Hinzu kommen negative Erfahrungen in der Vergangenheit. Schon einmal wurde der Region Hoyerswerda mit dem Karl-May-Land etwas versprochen, was dann nie umgesetzt wurde.

Wie nehmen Sie die aktuelle Debatte um die Strukturentwicklung wahr?

Es muss gelingen, auch große Unternehmen für die Lausitz zu begeistern und hier wirklich Geld in die Hand zu nehmen. Forschungsinstitute und Behörden sind gut für die Region, werden aber nicht ausreichen. Als Unternehmer bin ich etwas ernüchtert, dass es für die Wirtschaft de facto keine Strukturwandel-Mittel gibt. Das Geld geht in erster Linie an Kommunen und kommunale Betriebe. Viele Förderprogramme kommen für den Mittelstand nicht in Frage auf Grund des hohen Eigenanteils und des komplizierten Prozedere bei der Beantragung.

Mit Blick auf die Entwicklung in den kommenden zehn Jahren – welchen Wunsch haben Sie an die Politik und welchen an die Lausitzer?

Ich bin skeptisch, dass sich hier große Unternehmen von außen ansiedeln werden. Stattdessen sehe ich den größten Effekt, wenn sich die hier bereits ansässigen großen Unternehmen wie LEAG, Siemens und Bombardier und öffentliche Akteure zusammentun und gemeinsam in ein großes Thema wie Wasserstoff investieren und so z.B. im Industriepark Schwarze Pumpe ein neues großes Unternehmen schaffen. Von der Politik wünsche ich mir, dass sie die zuletzt geschürten Erwartungen in den kommenden zehn Jahren tatsächlich umsetzt und nicht zerredet. Mit Blick auf die angekündigten Infrastrukturmaßnahmen ist eine Beschleunigung des Planungsrechts dringend notwendig. Von uns Lausitzern wünsche ich mir, dass wir uns unseren Optimismus nicht nehmen lassen. Der Strukturwandel ist mehr Chance als Risiko!

Sie engagieren sich als Botschafter für die Familienregion Hoyerswerda. Wie machen Sie Außenstehenden die Lausitz schmackhaft?

Ich bin dienstlich viel außerhalb der Lausitz unterwegs. Was die Leute dort immer wieder überrascht, wenn ich von meiner Heimat erzähle, ist die Zweisprachigkeit. Die Sorben als größte Minderheit in Deutschland kennen die wenigsten. Das ist ein Zugpferd und ein echter Pluspunkt für die Region, mit dem wir noch viel stärker werben sollten. Bei der Familienregion Hoyerswerda geht es explizit darum, das Image von Hoyerswerda zu verbessern. Wir wollen keine Luftschlösser bauen, sondern aufzeigen, was es hier tolles gibt. Und das ist eine Menge. Wir möchten Menschen für Hoyerswerda begeistern, so dass sie ihren Lebensmittelpunkt hierher verlegen. Wer beispielsweise in Kamenz arbeitet und in Dresden wohnt, der muss künftig Hoyerswerda als attraktiven Wohn- und Lebensort auf dem Schirm haben.

Haben Sie einen Lieblingsort in der Lausitz, an dem Sie gern mit Ihrer Familie sind oder waren, als Ihre Kinder noch kleiner waren?

Ja, den gibt es tatsächlich. Durch familiäre Verbindungen ist das Oybin im Zittauer Gebirge.

Würden Sie uns zum Abschluss noch Ihre Vision von der Lausitz 2030 schildern?

2030 ist ein Teil der zugesagten Verkehrsprojekte umgesetzt wie die S-Bahn nach Dresden. Hoyerswerda war Ausrichter des Landesgartenschau. Die Flutung der Seen ist trotz der trockenen Sommer abgeschlossen. Die geplanten Überleiter sind geöffnet man kann mit dem Boot durch eine tolle Wasserlandschaft schippern. Und ich hoffe, dass die Lausitz als Modellregion für ganz Europa gefragt ist, dass Delegationen aus Slowenien, Belgien und Griechenland zu uns in die Lausitz kommen und hier nach Lösungen suchen. Denn in der EU stehen viele Regionen vor den gleichen Herausforderungen wie wir.

Vielen Dank für das Gespräch.