Schritt für Schritt zurück zur Normalität

Datum: Mittwoch, 03. November 2021 09:03

Interview mit Prof. Dr. med. Tobias Tenenbaum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Sana Klinikum Berlin Lichtenberg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

Die Kitas waren lange fast leer, jetzt sind sie wieder voll, die Kinderarztpraxen ebenso. Über die Zusammenhänge und die Folgen für die Kinder und ihr Immunsystem sprachen wir mit dem Mediziner Prof. Dr. med. Tobias
Tenenbaum. Er ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Sana Klinikum Berlin Lichtenberg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie.

Mitte Oktober fand die Jahrestagung der Kinder- und Jugendmedizin statt – war die Pandemie ein Thema?

Die Pandemie und ihre Folgen haben natürlich eine Rolle gespielt. Wir haben dort ganz verschiedene Aspekte betrachtet. Natürlich ging es auch um die aktuelle Situation in den Kliniken und Kinderarztpraxen. Dort stehen die Kollegen fast überall vor der gleichen Herausforderung. Es gibt einen für diese Jahreszeit ungewöhnlichen Anstieg an Infektionen mit Atemwegsinfektionen wie dem RS-Virus bei Kindern. Dieses erhöhte Patientenaufkommen verzeichnen wir üblicherweise erst in den Wintermonaten. Dieses Jahr hat es deutlich früher eingesetzt.

Woran liegt das?

Zwei Jahrgänge an Kindern konnten durch die Schließungen über Monate kaum oder gar nicht in die Kita. Deren Immunsystem hatte wenig Gelegenheit, sich mit unterschiedlichen Krankheitserregern auseinander zu setzen. Das holen sie jetzt nach. Das trifft prozentual nicht mehr Kinder als sonst, aber in summa ist es doch deutlich mehr, weil so viele Kinder die Infekte jetzt nachholen.

Wenn die Infekte jetzt einfach nachgeholt werden, müssen sich Eltern also nicht vor langfristigen Folgen für die Immunabwehr der Kinder sorgen?

Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass das Immunsystem langfristig Schaden nehmen wird. Wichtig ist, dass sich das Immunsystem überhaupt mit Erregern auseinandersetzt. Wo das geschieht – also ob im Kindergarten, zu Hause oder draußen im Garten – ist zweitrangig. Die Kinder waren ja auch zu Hause Erregern ausgesetzt, wenn auch sicher nicht so stark wie in einer Gemeinschaftseinrichtung. Die langfristigen Nebenwirkungen des Lockdowns sehe ich eher auf anderen Ebenen, die für die Gesundheit von Kindern aber ebenso wichtig sind. Dazu gehören die Zunahme von Übergewicht, von Angststörungen und anderen psychischen Problemen.

Gerade kleine Kinder haben gefühlt alle vier Wochen eine Schnupfnase. Sollten Eltern sie in der aktuellen Situation mit leichten Erkältungssymptomen lieber zu Hause lassen oder trotzdem in die Einrichtung schicken?

Prinzipiell sollte den Kindern wieder ein möglichst normales Leben mit Kita, Schule und Sportverein ermöglicht werden. Das brauchen sie, das tut ihnen gut. Die Entscheidung bei einem Infekt sollte individuell getroffen werden. Das hängt einerseits von der aktuellen Situation vor Ort ab: Wie ist die Test- und Maskenpflicht geregelt? Häufen sich lokal Infekte? Aber in der Regel ist ein leichter Schnupfen unproblematisch. Anders sieht es aus, wenn weitere Symptome wie Husten oder Fieber hinzukommen. Dann sollte man das Kind lieber zu Hause lassen bzw. vom Kinderarzt auf SARS-Cov-2 testen lassen. Das tut dem Kind gut und schützt davor, dass sich mehr Kinder anstecken und das Gesundheitssystem überlastet wird.

Unabhängig vom weiteren Verlauf der Pandemie wird empfohlen, Hygieneregeln wie Händewaschen und Abstandhalten langfristig beizubehalten, insbesondere in den Wintermonaten. Was ist denn für die Entwicklung des kindlichen Immunsystems günstiger: Wieder mehr „Normalität“ in Kita und Schule oder das Beibehalten strikter Hygieneregeln?

Wir müssen sicher weiter achtsam sein. Die Pandemie ist noch immer dynamisch und im Ernstfall müssen wir schnell reagieren können. Gleichwohl müssen wir von der vollzogenen Vollbremsung langsam wieder zurück in den ersten oder zweiten Gang kommen. Langfristiges Ziel ist das Fahren im Autopiloten, um im Bild zu bleiben. Es gab ja schon vor der Pandemie vorbildliche Einrichtungen, was das Hygienekonzept betrifft. Aber es gab eben auch viele Einrichtungen, wo die Hygienemaßnahmen – vorsichtig formuliert – ausbaufähig waren. Insofern würden die Vorteile für die Kinder überwiegen, wenn wir Basis-Hygiene-Maßnahmen verlässlich auch nach der Pandemie beibehalten können.

Impfen gehört zum Immunschutz. Würden Sie in diesem Winter Kindern zu einer Grippeschutzimpfung raten, so wie es im letzten Winter empfohlen worden ist?

Darüber beraten wir derzeit noch in unserer Fachgruppe. Ich persönlich halte eine Grippeimpfung in der aktuellen Situation für sehr sinnvoll – und zwar für alle Familienmitglieder, also Kinder, Eltern und Großeltern.

Bei Kindern verläuft eine Corona-Erkrankung in der Regel meist milder als bei Erwachsenen – wie lässt sich das erklären?

Das ist tatsächlich so und wird bereits wissenschaftlich untersucht. Erste Ergebnisse wurden im Sommer von einer internationalen Forschungsgruppe veröffentlicht. Demnach scheint das Immunsystem von Kindern besser auf die Sars-Cov-2-Viren vorbereitet. Bestimmte Rezeptoren in den oberen Atemwegen sind bei Kindern aktiver und können die Viren schneller und effizienter bekämpfen, so dass sich diese gar nicht erst im ganzen Körper ausbreiten können. Sicherlich spielen noch andere Faktoren eine Rolle, da müssen wir die weitere Forschung abwarten.

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