Eltern sollten weder beschönigen noch Bedrohungsszenarien aufbauen

Datum: Montag, 07. März 2022 14:35


Foto: P. Sittinger

Die Eltern ernähren sich vegetarisch, aber die Tochter will unbedingt Schnitzel essen. Die Eltern wollen im Sommerurlaub auf die Kanaren fliegen, aber der Sohn will nachhaltig reisen. Wie Eltern mit solchen Konflikten umgehen, darüber haben wir mit dem Umweltpsychologen Prof. Dr. Gerhard Reese gesprochen. Im Interview verrät er außerdem, warum es sich lohnt, mit Kindern über Nachhaltigkeit im Dialog zu bleiben und warum schon kleine Schritte großes bewirken können.

Sie forschen und lehren unter anderem zu Umweltbewusstsein und Naturschutzpsychologie und leben sehr nachhaltig. Was kam zuerst?

Haben Sie sich einen Beruf gesucht, der inhaltlich zu Ihrem Umweltbewusstsein passt oder haben Sie aufgrund Ihrer Forschung Ihren Lebensstil verändert? Naja, ob ich sooooo nachhaltig lebe weiß ich nicht – vielleicht innerhalb Deutschlands im Vergleich. Allerdings habe ich bis 2017 einen recht großen Flugrucksack generiert, der alle anderen Anstrengungen zunichte macht. Ich habe mich tatsächlich schon lange für Umweltfragen interessiert und engagiert – angefangen mit Umweltwochenenden während meiner Schulzeit gefolgt von einem FÖJ nach meinem Abi. Erst während meiner Promotion habe ich dann aber gemerkt: Woah, Psychologie kann und muss einen entscheidenden Beitrag zur Lösung von Umweltkrisen liefern. Und ja, mein Lebensstil hat sich durch die Beschäftigung mit der Thematik weiter verändert, zum positiven wie ich hoffe. Aber Potenzial für weitere Lebensstiländerungen gibt es auch.

Sie schreiben, Sie seien zu 99,8 % Vegetarier. Was hat es mit den verbleibenden 0,2 Prozent auf sich?

Naja, ich halte prinzipiell nichts von Dogmen. Man kann ja Vegetarier oder Veganer sein und trotzdem sagen: Ich esse einmal pro Jahr Fish and Chips. Oder man sieht bei der Konditorin im Urlaub den Best-Cake-Ever, der aber mit Gelatine versetzt ist… ich denke, da kann man dann auch mal sagen: Schwamm drüber.

Vorausgesetzt, dass Sie nicht schon immer so nachhaltig leben: Wie gelang Ihnen die Umstellung? Was fiel Ihnen leichter, was schwerer?

Wie gesagt, nachhaltiger geht immer… Was mir bis heute sehr schwer fällt ist, auf Reisen zu verzichten – Reisen ist ja ein krasses Privileg, das wir als Bürger:innen dieser reichen Nation haben. Auch wenn ich seit fünf Jahren keinen Flieger betreten habe reise ich sehr gerne, doch auch die Bahn und Hotels erzeugen Emissionen. Meine Ernährung auf vegetarisch umzustellen hingegen fiel mir sehr leicht, da hatte sicherlich auch geholfen, dass sich diese Entscheidung mit dem Übergang ins Studium deckte, dort war vegetarisch sein ja dann in manchen Kreisen schon fast normativ. Und: Kein Auto zu haben ist für mich persönlich extrem leicht – ich habe zwei Mal im Leben für ca. ein Jahr ein Auto besessen und habe mich extrem eingeschränkt, abhängig, Zeit-verschwendend gefühlt. Kein Auto zu haben und zu benötigen ist eine Befreiung – die aber nur gelingt, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Greta Thunberg forderte die Weltöffentlichkeit auf, panisch zu werden und zu handeln. Was sagen Studien: Bereitet der Klimawandel eher der Generation der Kinder und Jugendlichen Sorgen oder eher der Generation der Eltern und Großeltern?

Die Studienlage ist hier meines Erachtens noch ziemlich uneindeutig, wir finden aber immer mehr Belege, dass junge Leute mit großer Sorge und auch Angst in die Zukunft schauen. Hier allerdings einen etwaigen Konflikt zwischen jung und weniger jung heraufzubeschwören, halte ich aber ohnehin für den falschen Weg: In jeder Generation gibt es hochgradig aktive und engagierte Menschen – und genauso gibt es in jeder Generation Menschen, denen die ganze Sache am A… vorbei geht.

Lässt sich schon sagen, was es mit Kindern macht, wenn sie unter dem permanenten Bewusstsein des Klimawandels aufwachsen?

Nö. Dazu gibt es leider noch keine Studien.

Wie gelingt es Eltern, Themen wie Nachhaltigkeit und Klimaschutz anzusprechen, ohne die Kinder in Angst zu versetzen? Wie lässt sich das Thema positiv besetzen?

Ich halte nicht viel davon, Dinge zu beschönigen. Man kann bereits Kindern erklären, dass der Klimawandel existiert und versuchen zu erklären, was zum Beispiel Abgase aus Autos oder Fabriken anrichten. Ich würde keine Bedrohungsszenarien aufbauen, aber eben auch klar erklären: Wir Menschen tun Dinge, die der Natur und der Umwelt nicht gut tun.

Wie thematisieren Sie Nachhaltigkeit, Naturschutz und Umweltbewusstsein selbst zu Hause?

Die Themen tauchen bei uns täglich auf, gerade in Bezug auf Ernährung und Mobilität. Mit unserem 6-jährigen Sohn reden wir auch über solche Themen und versuchen, das Beste daraus zu machen.

In der Regel prägen die Einstellung und das Vor-Leben der Eltern auch die Kinder. Wie reagieren Eltern, wenn mit der Jugend die Peer-Group wichtiger wird, und die Kinder gegen den Lebensstil der Eltern rebellieren?

Ich bin kein Entwicklungspsychologe, denke aber, dass Kinder sowieso gegen ihre Eltern rebellieren sollten. Das ist mit dem Klimathema sicherlich nicht anders. Allerdings vermitteln Eltern natürlich von Anfang an bestimmte Werte, von denen man hofft, dass sie auch die Kinder prägen und positiv beeinflussen. Aber am Ende muss sich ja jedes Elternteil eingestehen, dass da ein eigenes selbstbestimmtes Wesen herangewachsen ist – und dieses Wesen hat natürlich jedes Recht, elterliches Denken und Verhalten doof zu finden.

Wie gehen Eltern am besten mit Konflikten zu solchen Themen um?

Schwierig, da muss natürlich jede Familie eine eigene Balance finden. Wichtig: Immer erklären, warum man etwas macht oder eben nicht macht und der anderen Partei auf Augenhöhe zuhören. Allerdings gilt auch: Kinder sind bis zu einem gewissen Alter Schutzbefohlene, deren Eltern tragen also die Verantwortung für ihre Gesundheit.

Was entgegnen Sie dem Argument, dass die Veränderung des eigenen Verhaltens den Klimawandel ohnehin nicht aufhalten kann?

Da entgegne ich, dass ich den Gedanken verstehen kann und der aus einer gewissen Perspektive auch richtig ist: Ich alleine kann natürlich die Klimakrise nicht aufhalten. Aber: Ich bin ja nicht allein. Zusammen mit mir entscheiden sich tagtäglich Menschen für solidarische Verkehrsmittelnutzung, gegen eine Portion Fleisch oder für den Zug- anstatt Flugurlaub. Die Masse machts und wir müssen begreifen, dass wir Teil eines Ganzen sind und einen wichtigen Beitrag leisten. Klar ist aber auch: Das wird vorne und hinten nicht reichen, die Verantwortung liegt einfach auch bei Politik und Unternehmen. Wir können die Verantwortung nicht nur auf eine Ebene schieben.

Wenn Eltern bis hierher durchgehalten haben, den Artikel und dieses Interview gelesen haben und sich denken: Jetzt will ich aber wirklich nachhaltiger leben. Was raten Sie, damit der Vorsatz nicht in Kürze wieder der Bequemlichkeit zum Opfer fällt?

Es dauert eine Weile, bis man eigene Routinen durchbrochen hat. Das geht zusammen mit anderen leichter als alleine. Am Beispiel Ernährung: Mal mit ein paar Freunden zusammen sich selbst verpflichten, vier Wochen auf tierische Lebensmittel zu verzichten, klar aufzuschreiben, was man in dieser Zeit stattdessen essen will und Optionen haben, falls es droht, mal schief zu gehen. Und: Jeder noch so kleine Schritt hilft – das kann schon der wöchentliche Spaziergang zur KiTa oder zur Schule sein anstatt die Anfahrt mit dem motorisierten Kindertaxi.