„Kinder sollten ihr Kostüm selbst aussuchen dürfen“

Datum: Dienstag, 03. Februar 2026 14:37

Darf ein Kind als Polizist eine Waffe tragen? Sind Indianerkostüme noch erlaubt? Was tun, wenn der Sohn als Elsa zum Fasching will? Und warum sind Rollenspiele für Kinder wichtig? Darüber sprachen wir mit Sozialpädagogin Dana Mundt (bke).

Die Karnevals- und Faschingszeit steht bevor. Viele Kinder schlüpfen jetzt mit großer Begeisterung in Kostüme. Warum verkleiden sich Kinder eigentlich so gern?

Sich zu verkleiden und Rollenspiele zu spielen, ist absolut alterstypisch und für Kinder spielerisch sehr wertvoll. Im Spiel probieren sie sich aus, sammeln Erfahrungen und versuchen, die Welt um sich herum zu verstehen. Kinder spielen nach, was sie sehen und erleben: im Kaufmannsladen, in der Kinderküche oder mit dem Spielzeugauto. Und Kinder in dem Alter beobachten sehr genau. Was sie dann bei den Erwachsenen sehen, setzen sie im Spiel um. Sie lernen sozusagen am Modell. Für Eltern ist das übrigens eine wunderbare Gelegenheit zu beobachten, was ihr Kind gerade am meisten beschäftigt. Das Thema begegnet uns auch regelmäßig in der bke-Onlineberatung. Eltern fragen sich zum Beispiel, ob es „noch normal“ ist, wenn sich ihr Kind täglich verkleiden möchte oder immer nur dieselbe Rolle spielen will. Manche sorgen sich, wenn die Tochter ausschließlich Prinzessinnenkleider tragen möchte und fragen sich, ob sie damit Klischees fördern.

Sie haben es eben gesagt: Kinder schlüpfen auch außerhalb des Faschings gern in andere Rollen. Welchen Mehrwert hat das Rollenspiel für die kindliche Entwicklung?

Rollenspiele sind eine Art Trainingsfeld fürs echte Leben – ein geschützter Lernraum. Kinder können jemand anderes sein und sich spielerisch ausprobieren: Sie sind plötzlich besonders stark, mutig, mächtig oder auch einmal böse oder sehr fürsorglich. Das stärkt oft das Selbstvertrauen. Im Rollenspiel dürfen Kinder Dinge ausprobieren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen. Sie dürfen böse sein, ohne Ärger zu bekommen, nach dem Motto: „Das war nicht ich, das war Spiderman.“ Gerade im Kitaalter können Kinder über das Spiel auch Erlebnisse verarbeiten, für die ihnen teils noch die Worte fehlen. Nebenbei fördern Rollenspiele wichtige Entwicklungsbereiche wie Kreativität, Sprache, soziale Kompetenz und emotionale Entwicklung. Kinder erklären, verhandeln, erzählen. Selbst Kinder, die sonst eher ruhig sind, finden plötzlich eine Stimme. Sie lernen sich zu behaupten, sich mit anderen auseinanderzusetzen, die Perspektiven zu wechseln, Dinge auszuhandeln, zum Beispiel: „Morgen kannst du dann die Prinzessin sein.“ Sie können Gefühle wie Wut, Unsicherheit oder Mut ausdrücken und sagen: „Als Drache bin ich stark.“ Auch Identitätsfragen spielen eine Rolle, anfangs noch sehr spielerisch, aber mit zunehmendem Alter ist dies auch wichtig für die persönliche Entwicklung. Fasching ist dabei ein besonderes Fest. Es soll Spaß machen, es gibt Spiele und viele Kinder lieben es – aber nicht alle. Und auch das ist völlig in Ordnung. Eltern müssen hier meist gar nicht steuern, sondern vor allem begleiten. Gerade sehr junge Kinder möchten sich anfangs vielleicht noch nicht schminken lassen oder kein Kostüm tragen, sondern lieber erst einmal zuschauen. Auch das ist völlig okay. Wichtig ist, keinen Druck auszuüben, Ängste ernst zu nehmen und gemeinsam zu schauen, wozu das Kind Lust hat.

Wie wichtig ist es, dass Kinder ihr Faschingskostüm selbst auswählen dürfen?

Das ist aus entwicklungspsychologischer Sicht sehr wichtig. Auch wenn die Kostümwahl für Eltern manchmal überraschend, irritierend oder schwer umzusetzen ist – Kinder sollten hier möglichst viel Mitspracherecht haben. Eltern tun gut daran, Spielräume zu eröffnen, ihr Kind zu beobachten, zu begleiten und nicht zu bewerten. Ideal ist es, sich vorab gemeinsam hinzusetzen und zu fragen: „Als was würdest du dich am liebsten verkleiden?“ und auch zu fragen: „Wie genau stellst du dir das Kostüm dazu vor?“ Und dann kann man gemeinsam überlegen, wie sich der Wunsch umsetzen lässt – vielleicht auch kreativ, ohne dass es zu teuer wird. So kann ein schönes gemeinsames Familienprojekt entstehen. Eltern, die mitmachen und sich vielleicht sogar selbst verkleiden, zeigen ihrem Kind: Fantasie ist willkommen. Kinder erleben so im besten Fall auch ein Stück Selbstwirksamkeit. Natürlich dürfen und müssen Eltern Grenzen setzen, etwa aus Sicherheits- oder Wettergründen. Diese sollten altersgerecht erklärt werden. Manchmal helfen Kompromisse, wenn das Kind beispielsweise eine sehr lange Schleppe am Kleid haben will. Dann könnte es diese zunächst zum Zeigen mitnehmen, dann aber eine kitataugliche, kürzere Variante anziehen. Die Hauptsache aber ist: Das Kostüm soll dem Kind gefallen.

Zuletzt wurde öffentlich diskutiert, ob das Indianer-Kostüm noch zeitgemäß ist. Ist das Kostüm für die Faschingsparty in der Kita okay?

Wichtig ist hier zu berücksichtigen, dass Kita-Kinder ihre Kostüme nicht aus politischen oder kulturellen Haltungen heraus wählen. Sie orientieren sich an Abenteuergeschichten, Serien oder Büchern wie Yakari. Für sie steht das Indianerkostüm eher für ein Leben mit Tieren, Mut, Lagerfeuer oder Zusammenhalt und Gemeinschaft – und nicht für reale indigene Kulturen oder deren Geschichte. Das ist noch zu weit weg und auch noch zu komplex, um es zu verstehen. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema ausgeklammert werden sollte.

Wie und ab welchem Alter kann man mit Kindern über kulturelle Aneignung sprechen?

Altersgerechte Erklärungen müssen gar nicht kompliziert sein. Eltern dürfen sich Zeit nehmen und müssen nicht sofort eine perfekte Antwort parat haben. Im Kitaalter verstehen Kinder noch keine historischen oder politischen Zusammenhänge, aber sehr wohl Themen wie Fairness und Gefühle. Einfache Sätze wie „Manche Menschen finden es verletzend oder traurig, wenn ihre Kleidung oder ihr Aussehen zum Spaß nachgemacht werden“, reichen oft aus. Wichtig ist nicht zu moralisieren und keine Schuldgefühle zu erzeugen. Im Grundschulalter können Zusammenhänge zunehmend erklärt werden, etwa dass bestimmte Gruppen früher nicht respektiert, sondern ausgeschlossen wurden und dass heute mehr darauf geachtet wird. Der Begriff „kulturelle Aneignung“ selbst ist sehr abstrakt – entscheidend ist die Haltung, die Eltern von klein auf vorleben. Kinder beobachten sehr genau, wie Erwachsene darüber sprechen. Eltern haben hier eine wichtige Vorbildfunktion, das betonen wir immer wieder in unserer Beratung. Sie können sensibel mit Begriffen umgehen, Dinge kindgerecht einordnen und respektvolle Werte vermitteln, ohne das Kostüm abzuwerten oder den Spaß zu nehmen. Auch die Kita könnte das Thema gut als Lernfeld aufgreifen.

Gibt es Kostüme, die für Kinder problematisch sein können?

Eltern sollten sich fragen: Passt dieses Kostüm zum Alter und zur emotionalen Entwicklung meines Kindes? In gemischten Kitagruppen ist es sinnvoll, auf sehr gruselige Kostüme zu verzichten, insbesondere mit Blick auf jüngere Kinder. Auch sollte man das Kind hinter der Schminke oder Maske noch erkennen können. Auch bei Kostümen mit stark sexualisierten Elementen, die nicht zur kindlichen Entwicklung passen, sollten Eltern hinschauen und wenn es wirklich der Wunsch des Kindes ist, das Kostüm entsprechend kindgerecht abwandeln. Ein gutes Kostüm ist eines, in dem sich das Kind sicher, gesehen und wohl fühlt – und bei dem Eltern den Rahmen verantwortungsvoll mitgestalten.

Wie sollten Eltern mit Waffen als Teil des Kostüms umgehen?

Waffen sind ein Thema, das viele Eltern beschäftigt und das regelmäßig bei uns in der Onlineberatung auftaucht. Für Kinder stehen Schwerter oder Pistolen meist für Stärke, Kraft, Mut und Handlungsfähigkeit – nicht automatisch für Gewalt. Für sie geht damit eher die Idee einher: Damit bin ich stark, unverletzlich und damit kann ich etwas bewirken. Waffen im Kostüm sind nicht per se problematisch – entscheidend ist der Umgang damit. Daher bin ich gegen pauschale Verbote. Gleichzeitig braucht es klare Regeln, das können sein: Waffen nicht auf Menschen richten, niemanden erschrecken, bedrohen oder absichtlich verletzen und aufhören, wenn ein anderes Kind Angst bekommt. Je älter die Kinder sind, umso mehr kann man darüber sprechen: „Der Polizist trägt eine Waffe, wann genau würde er sie benutzen, weißt du das?“ So lernen Kinder, dass Macht immer auch Verantwortung bedeutet. Wichtig ist, die Regeln der Kita zu unterstützen, auch wenn sie sich von denen zu Hause unterscheiden. Eltern können auch versuchen, Alternativen wie einen Zauberstab anzubieten. Auch der verleiht spielerisch Superkräfte – nur eben ohne Waffe.

Manche Eltern tun sich schwer damit, wenn Kinder Cowboy und Indianer oder Polizei spielen und sich gegenseitig „abschießen“. Ist diese Sorge berechtigt?

Aus unserer Beratungstätigkeit wissen wir, dass Eltern oft im Zwiespalt sind: Einerseits möchten sie ihr Kind in seiner Fantasie unterstützen, andererseits soll es niemanden verletzten oder überholten Klischees nachgehen. Für Kinder im Kita-Alter geht es dabei aber eher um ein Abenteuer- und Rollenspiel. Sie greifen auf sehr vereinfachte Bilder zurück, ohne den historischen Kontext zu kennen oder zu berücksichtigen. Daher plädieren wir meist für Begleiten statt Verbieten. Eltern könnten anregen, die Rollen zu wechseln und deutlich machen, dass es ein Fantasiespiel ist. Ein anderes Thema wäre es natürlich, wenn die Eltern beobachten sollten, dass ihr Kind richtig sauer und wütend ist und immer wieder auf nur ein Kind schießt, auch wenn dies das Spiel nicht mehr mitspielen möchte. Dann sollten sie genau hinschauen: Ist es noch ein Spiel oder eine Form von Aggression?

Manche Eltern sind verunsichert, wenn der Sohn als Prinzessin oder Fee gehen möchte...

Auch bei uns in der Beratung melden sich manchmal Eltern, weil ihr Sohn lange Haare trägt, Haarspangen liebt und sich gern als Elsa aus „Die Eiskönigin“ verkleidet – nicht nur zu Fasching. Oft erleben die Eltern ihr Kind dabei als fröhlich, kreativ und gut eingebunden. Der Druck kommt dann eher von außen, etwa von Großeltern oder aus dem Umfeld. Das merken wir dann auch in der Beratung. Da geht es häufig weniger um das Kind selbst, sondern mehr um die Unsicherheit der Erwachsenen. In solchen Situationen geraten oft weniger die Kinder als vielmehr die Eltern ins Stolpern. Typische Gedanken sind: „Was denken die anderen?“. Kinder denken so nicht. Im Kita- und auch Grundschulalter ist es „normal“, dass die Kinder mit verschiedensten Rollen, Farben und Symbolen spielen, ohne ihnen allzu viel Bedeutung zuzuschreiben. Das machen meist nur wir Erwachsene. Ein Prinzessinnen- oder Feenkostüm steht für Kinder meist eher für Schönheit, Magie, Zauber, Macht, Anerkennung oder Kraft. Vielleicht mag das Kind auch einfach den schönen weichen Stoff. Es steht nicht für die Geschlechtsidentität oder spätere Lebensentscheidungen. Die Kinder greifen bei der Kostümwahl in der Regel Dinge auf, die sie kürzlich gesehen haben – vielleicht im Buch, im TV oder im Kino. Vielleicht wollen sie gern als Hase gehen, weil sie den Film Zoomania geschaut haben. Sie finden etwas schön, spannend und möchten die Rolle ausprobieren. Viele Eltern sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, ihr Kind zu stärken, und der Angst vor Kritik von außen. Kinder spüren sehr genau, ob ihre Eltern hinter ihnen stehen oder anfangen zu zweifeln. Deshalb ist die Haltung der Eltern hier entscheidend.

Wie sollten Eltern also idealerweise reagieren?

Aus fachlicher Sicht ist eine neugierige, ermutigende und möglichst neutrale Haltung der Eltern sehr hilfreich. Ermutigend heißt: dem Kind zu signalisieren, dass es gut ist, zu wissen, was man mag. Neutral bedeutet, keine zusätzliche Bedeutung hineinzulegen oder aus Erwachsenenperspektive zu überinterpretieren. Eine schöne Reaktion wäre: „Ich finde es großartig: Du weißt, was dir gefällt.“ Oder „Wow, was für eine tolle Idee!“ Neugierige Fragen wie „Wie bist du auf die Idee gekommen?“ zeigen dem Kind Interesse und Wertschätzung. Aktives Umlenken vermittelt Kindern dagegen schnell die Botschaft: „Das, was du magst, ist nicht richtig.“ Viel stärkender ist die Erfahrung: „Meine Eltern stehen hinter mir.“

Egal ob Prinzessin oder Indianer: Wie können Eltern ihr Kind stärken, wenn es wegen seines Kostüms ausgelacht wird?

Wenn Kinder ausgelacht oder kritisiert werden, ist das für Eltern oft schwer auszuhalten. Trotzdem ist dann die Rückendeckung und das Verständnis durch die Eltern besonders wichtig. Gefühle sollten ernst genommen werden: „Das war bestimmt doof, ausgelacht zu werden.“ Eltern sollten das Selbstwertgefühl des Kindes stärken, indem sie ihm vermitteln, dass es so in Ordnung ist, wie es ist – auch mit dem Kostüm, egal ob es anderen gefällt. Im Vorfeld können Eltern gemeinsam mit dem Kind überlegen, wie es auf Kritik gut reagieren kann. Da reichen einfache Sätze wie. „Mir gefällt mein Kostüm!“ oder „Ich mag es so!“ Das nimmt ihnen die Sprachlosigkeit. Sollten Auslachen und Abwerten häufiger vorkommen, würde ich das Gespräch mit der Kita empfehlen. Eltern dürfen sich Rat und Unterstützung suchen, gern auch bei uns oder in Erziehungs- und Familienberatungsstellen vor Ort. Kinder werden stark, wenn sie in ihrem Erleben und ihren Gefühlen ernst genommen und beschützt werden.

Hinweis: Bei Unsicherheiten rund um Fasching, Verkleidung, Rollenbilder oder kindliche Entwicklung können sich Eltern anonym und kostenfrei an die bke-Onlineberatung wenden. Weitere Infos unter:

www.bke-beratung.de