Glücksmomente

Datum: Donnerstag, 27. Oktober 2022 16:12

Für diese Ausgabe habe ich passend zum Titelthema eine nicht-repräsentative Umfrage unter meinen Kindern gemacht und sie gefragt: „Was ist Glück für dich?“ Ihre Antworten waren so vielfältig wie amüsant: Für den Großen ist es Glück, wenn er sich beim Stürzen nicht verletzt. Dabei ist er längst dem Alter entwachsen, wo er alle Nase lang hinfiel und wir gelegentlich die eine oder andere Schramme mit einem Trostpflaster verarztet haben. Die Mittlere ist glücklich, wenn sie einfach nur spielen darf: „Und zwar ohne dass mich jemand stört oder dass ich etwas erledigen muss.“ Sie zelebriert regelmäßig, was Glücksforscher als Flow bezeichnen und was wir Erwachsenen verlernt zu haben scheinen: Wenn sie mit ihren Barbies, Paw-Patrol-Figuren oder ihren Legosteinen spielt, vergisst sie alles um sich herum. Das ist einerseits total goldig und beneidenswert. Das bringt aber auch unerwünschte Nebenwirkungen mit sich: Bitten wie „Hängst du die Wäsche auf?“ oder „Kommst du zum Abendessen?“ verhallen ungehört. Wenn das Kind auch beim dritten Mal gar nicht oder nur mit einem matten „Gleich!“ reagiert, versuche ich mir einzureden, dass ich nicht pädagogisch versagt habe, sondern dass meine Tochter gerade mitten im Flow ist und dass das unglaublich wichtig für ihre persönliche Entwicklung und ihre Lebenszufriedenheit ist.

Unsere Jüngste wiederum beantwortet meine Frage nach Glück so: „Wenn ich ein rotes Herz finde, eines aus Kristall.“ Dieser Herzenswunsch war mir bis dahin gänzlich unbekannt. So muss ich sie dann auch angeschaut haben, worauf hin sie ergänzte: „So eines hat meine beste Freundin gestern gefunden.“ Da musste ich schmunzeln. Denn auch meine Kinder suchen und finden ständig kleine Schätze. Aber dazu komme ich in einer späteren Kolumne.

Nach der Mini-Studie wollten die Kinder natürlich noch wissen, was Glück für mich bedeutet. Meine Antworten waren ehrlich, aber wohl etwas unbedacht: ein (kinder)freies Wochenende, ein heißes Bad ohne Unterbrechungen, in Ruhe eine heiße Schokolade trinken, ausschlafen. Wenn man seit gut elf Jahren Kinder großzieht, ohne Oma und Opa, und erst seit wenigen Jahren wieder regelmäßig durchschläft, verschieben sich die Prioritäten. Da werden kleine Ruheinseln und Miniauszeiten im lauten, turbulenten Alltag zum Anker. Vor dem ersten Kind lacht man noch über solche Sprüche: „Babys schlafen doch 20 Stunden am Tag, das ist total entspannt.“ Oder der von unserer Hebamme: „Wenn mir jemand sagt, ich habe geschlafen wie ein Baby, habe ich Mitleid.“ Auch hübsch: „Kinder sind niedlich, vor allem wenn sie schlafen.“

Natürlich liebe ich meine Kinder und ich würde sie für nichts hergeben. Aber ich kann mich auch ehrlich über ein paar ruhige Stunden ohne sie freuen. Gleichwohl weiß ich die vielen kleinen Glücksmomente zu schätzen, die sie uns Tag für Tag bescheren. Das sind zunächst die vielen ersten Male, die man mit Kindern erlebt: Das erste Lächeln, der erste Brei, der erste Schritt ohne Papas Hand, die erste Runde mit dem Fahrrad, der erste Schultag, das erste Mal woanders übernachten.

Es sind die Wahrheiten, die ungeschminkt aus dem kleinen Kindermund purzeln. Mit Blick auf meine mittlerweile gut sichtbaren Falten fragte meine Tochter: „Mama, warum hast Du einen Regenbogen auf der Stirn?“ Bei einem Spaziergang durch die Stadt sagte die andere Tochter, damals noch vier Jahre: „Guck mal, der Mann ist schwanger.“ Ich versuchte durch energisches Kopfschütteln die Situation zu retten, doch meine Tochter beharrte: „Doch Mama, der hat einen ganz dicken Bauch.“

Es sind die Liebesbekundungen der lieben Kleinen: Bilder mit dem herzgerahmten Wort „Mama“, mit Rechtschreibfehlern gespickte Liebesbriefe von der Erstklässlerin oder das abendliche: „Kommst du noch kuscheln?“ Das sind vermutlich die Glücksmomente, die ich vermissen werde, wenn ich in zehn Jahren endlich meine kinderfreien Wochenenden habe.

Kolumne von Anett Linke (lausebande-Redaktion)