8 auf einen Streich!

Datum: Mittwoch, 04. November 2015 10:08

cover lausebandeVom bunten Leben in kinderreichen Familien.

In einigen Wochen erwarten mein Mann und ich unser drittes Kind. Anders als bei den ersten beiden Kindern, wurden wir dieses Mal – kaum dass der Bauch sichtbar wurde – oft gefragt: „War das geplant?“ Ja! Mit dem dritten Kind hat kaum einer gerechnet. Wer sich für mehr als zwei Kinder entscheidet, wird zum Exoten, fällt aus dem Rahmen. Das klassische Bild von der Zwei-Kind-Familie ist in Deutschland sehr verbreitet. Kein Wunder, wie die Zahlen belegen: Nur zwölf Prozent aller Familien haben drei oder mehr Kinder und gehören damit zu einer Minderheit. Das war nicht immer so. Vor etwa 100 Jahren war es normal, drei, vier oder fünf Kinder zu haben. Im Laufe des 20. Jahrhunderts sank die durchschnittliche Kinderzahl. Die Frauenbewegung und die Pille hatten daran einen nicht unerheblichen Anteil. Frauen konnten und wollten zunehmend selbst entscheiden, ob und wie viele Kinder sie haben. Zudem bekommen Frauen heute immer später ihr erstes Kind. Wer mit 30 zum ersten Mal Mutter wird, dem fehlt meist einfach die Zeit, noch drei weitere Kinder in die Welt zu setzen. Das gilt nicht nur für Deutschland, auch in anderen europäischen Staaten, in Nordamerika, Asien und Nordafrika ist die Kinderzahl in den letzten 100 Jahren auffallend zurückgegangen.

Während also die Entwicklung weltweit ähnlich verläuft, so ist doch der Begriff „kinderreich“ eine deutsche Besonderheit. Während man in England von „large families“ und in Frankreich von „familles nombreuses“ spricht, also von Groß- bzw. Mehrkindfamilien, hat sich in Deutschland bis heute der Begriff „Kinderreichtum“ gehalten. In den Jahrhunderten vor 1900 galten viele Kinder tatsächlich als wirtschaftlicher Reichtum – Kinder trugen zum Familieneinkommen bei und waren eine Art Altersvorsorge. Seit Kinderarbeit verboten ist, eine staatliche Rente auch Kinderlose absichert und Eltern durch Verhütung ihre Familie planen können, ist Kinderreichtum aus der Mode. Viele Kinder gelten als Armutsrisiko. Tatsächlich finden sich unter den Mehrkindfamilien überdurchschnittlich viele Hartz-IV-Empfänger, aber auch auffallend viele Wohlhabende. Großfamilien sind ebenso verschieden wie Kinder selbst. Die typische kinderreiche Familie gibt es nicht. Zumindest zeigen die Statistiken bestimmte Tendenzen auf: Menschen, die sich für das Familienmodell „2plus“ entscheiden, haben häufiger als der
Durchschnitt einen Migrationshintergrund, sind eher religiös gebunden, leben eher in den westdeutschen Bundesländern und zählen überdurchschnittlich oft zu den Besserverdienenden oder aber zur Unterschicht. Der Familienforscher Bernd Eggen macht drei Typen kinderreicher Familien aus:

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  • Familien mit überdurchschnittlicher Bildung und Verdienst. Sie kommen häufig selbst aus kinderreichen
  • Familien, sind eher religiös und leben eher auf dem Land
  • Familien in prekärer wirtschaftlicher Situation, bei denen beide Eltern keinen Schulabschluss haben, nicht arbeiten und die stark vom Staat unterstützt werden.
  • Familien mit Migrationshintergrund und starker Verbundenheit zu Heimat und Glaube.
    Ebenso zeigt sich ein Ost-West-Gefälle: In Ostdeutschland haben 7 Prozent aller Familien mindestens drei Kinder, in Westdeutschland 13 Prozent. Schaut man auf andere europäische Staaten, fällt auf, dass die Großfamilie in Deutschland weniger stark verbreitet ist. Den 12 Prozent kinderreichen Familien stehen 35 Prozent in Irland, 22 Prozent in Norwegen und 21 Prozent in Frankreich (Erhebung von 2005) gegenüber.

 

Gründe für und gegen eine Großfamilie
Es gibt in Deutschland etwa 900.000 kinderreiche Familien. Warum haben sie sich für eine Großfamilie entschieden? Und warum sagen so viele Paare nach dem zweiten Kind: Jetzt ist Schluss. Befragt man Großfamilien, warum sie sich für mehr als zwei Kinder entschieden haben, sagen sie oft: (Viele) Kinder bereichern das Leben, machen den Alltag lebendiger, das Leben bunter. Manche sind selbst mit vielen Geschwistern aufgewachsen und haben dies schätzen gelernt, andere waren Einzelkinder und wollten ihre Kinder anders aufwachsen sehen. In jedem Fall sehen diese Familien Kinder an sich als hohen Wert. In der Regel sind sich beide Partner einig, dass sie viele Kinder möchten. Allerdings gilt auch: Je höher die Kinderzahl, desto eher hatte zumindest ein Partner Bedenken gegen das jüngste Kind gezeigt. Bemerkenswert: Hat ein Paar zwei Mädchen oder zwei Jungen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es sich noch für ein drittes Kind entscheidet. Die Entscheidung für oder gegen eine Großfamilie fällt in der Regel frühzeitig. Frauen mit vielen Kindern fangen durchschnittlich ein Jahr eher an mit der Familiengründung als Frauen mit einem oder zwei Kindern, sie sind bei der Geburt ihres ersten Kindes im Schnitt 27 Jahre alt.