Mit Hand, Kopf und Herz

Datum: Freitag, 07. September 2018 12:02


Warum ganzheitliches Lernen unseren Kindern gut tut.

Für viele Kinder hat vor wenigen Wochen ein neuer Lebensabschnitt begonnen: der Start in die Schulzeit. Was mit einem bunten Fest und Zuckertüten begann, ging mancherorts allzu schnell über in Ernüchterung und Frust. Die Umstellung von der Kita auf die Schule ist nicht nur für die Eltern eine Herausforderung, sie ist es auch für die Kinder. Konnten sie bisher den ganzen Tag spielen und weitgehend frei von Zwängen ihren Interessen und Neigungen nachgehen, müssen sie plötzlich 45 Minuten am Stück stillsitzen, gemacht wird, was der Lehrer sagt und die Nachmittage sind von Hausaufgaben geprägt.
Der Bruch zwischen Kita und Schule ist so offenbar, dass sich die Frage stellt: Lässt sich nicht etwas von der Ganzheitlichkeit, wie sie im Kitaalltag gelebt wird, auch in die Schulzeit übertragen? Genau diese Frage wollen wir auf den kommenden Seiten beantworten. Dazu geben wir einen Überblick über pädagogische Konzepte, den Alltag an deutschen Schulen und die Möglichkeiten, die Eltern haben, wenn sie etwas verändern wollen.

Was heißt eigentlich ganzheitlich?

Der Begriff der Ganzheitlichkeit kommt aus der Pädagogik und Didaktik. Der Pädagoge Pestalozzi hat es vor gut 200 Jahren in die anschaulichen Worte „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ gepackt. Es geht um nicht weniger, als möglichst alle Sinne und Fähigkeiten des Kindes anzusprechen. Also nicht nur das Hören und Sehen, wie es beim Lehrervortrag im Unterricht passiert, sondern auch das Fühlen, Schmecken und Riechen. Schüler sollen nicht nur einseitig kognitiv angesprochen werden, stattdessen sollen möglichst mehrere Sinne angesprochen werden, die Kinder sollen neues Wissen nicht nur hören, sondern selbst erlernen und begreifen im Wortsinne. Der Grund dafür ist simpel, wie Erkenntnisse aus der Lernpsychologie belegen:

Im Durchschnitt behalten wir …
20% von dem, was wir hören,
30% von dem, was wir sehen bzw. lesen,
50% von dem, was wir hören und sehen,
80% von dem, was wir selbst sagen bzw. formulieren,
90% von dem, was wir selbst tun.

Es geht also darum, dass Kinder mehr selbst aktiv werden, sei es in Form von Projektarbeit, Gruppenunterricht, Ausflügen oder Experimenten. Wenn Kinder mehr eigene Erfahrungen, sozusagen aus erster Hand machen und nicht nur vorinterpretiertes und vorsortiertes Wissen vermittelt bekommen, steigt die Chance, dass mehr davon hängen bleibt. Ein weiterer wichtiger Aspekt von Ganzheitlichkeit ist die Nähe zur Lebenswirklichkeit der Kinder. Dinge, die sie aus ihrem Alltag kennen, Wissen, das sie tatsächlich mal anwenden können, bleibt ebenfalls mit höherer Wahrscheinlichkeit im Langzeitgedächtnis hängen.
Denn das ist eines der größten Dilemmas der Schule: Die Kinder bekommen unglaublich viel Wissen vermittelt, das sie oft innerhalb kürzester Zeit wieder verdrängt oder gar vergessen haben. Um zu verstehen, wie Kinder lernen und wie es gelingt, dass möglichst viel des erlernten Stoffs im Gehirn hängen bleibt, ist ein Exkurs in die Neurologie hilfreich.

Das Gehirn – unsere Schaltzentrale

Wichtig für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Reizen sind die Nervenzellen im Gehirn. Unser Gehirn verfügt über rund 100 Milliarden Neuronen. Sie verarbeiten die Reize, die wir mit unseren Sinnen (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen) wahrnehmen. Dazu verknüpfen sich die Neuronen untereinander und bilden Synapsen – die Datenautobahnen. Schon vor der Geburt schafft das Gehirn ständig neue Synapsen. Je mehr Neues Kinder lernen und je mehr sie gefordert sind, desto mehr Verbindungen entstehen, nicht genutzte Verbindungen gehen mit der Zeit wieder verloren.
Besonders gut bleibt im Gedächtnis, was wir mit mehr als einem Sinn wahrnehmen, was unsere Lebenswirklichkeit betrifft und was linke und rechte Gehirnhälfte beansprucht. Zwei Beispiele: Wenn ein Kind Französisch lernen soll, nur weil es auf dem Stundenplan steht, es aber nie nach Frankreich kommt, werden die Lernfortschritte begrenzt sein. Hat es dagegen einen französischsprachigen Freund, wird das Sprachenlernen deutlich besser klappen. Ein Dreijähriger wird erst dann verinnerlicht haben, dass er nicht auf die Herdplatte fassen darf, wenn er selbst festgestellt hat, dass sie heiß ist. Die Ermahnung der Eltern dagegen verlässt das Gehirn so schnell wieder, wie sie hineingelangt ist.

Natürliches Doping mit Dopamin

Ein wichtiger Botenstoff im Gehirn ist das Dopamin, eine Art natürliches Dopingmittel, das wir nur herauszukitzeln wissen müssen. Dopamin bewirkt im Hirn in etwa das Gleiche wie Schokolade bei den meisten Menschen: es macht glücklich, es dient zugleich als Belohnung und Motivation. Nicht umsonst wird es umgangssprachlich als Glückshormon bezeichnet. Einige der Hirnzellen können Dopamin ausschütten, das passiert v.a. als Belohnung für persönliche Erfolge. Wer beim lange trainierten Marathon das Ziel erreicht, bekommt eine große Menge Dopamin. Wenn ein Kind das Puzzle geschafft hat, wenn es im Sportwettbewerb eine Medaille errungen hat, wenn es beim Schach endlich den Papa geschlagen hat, wenn es eine knifflige Matheaufgabe gelöst hat. Solche eher unverhofften Erfolgsmomente lassen das Dopamin nur so durch das Hirn tanzen. Und dann passiert folgendes: Die Aufmerksamkeit und die Leistungsfähigkeit werden gesteigert. Man wird euphorischer und optimistischer, man ist neugieriger und motivierter.
Deswegen ist es so wichtig, dass Kinder entsprechend ihrer Begabung gefördert werden. Ein Kind, das im Unterricht überfordert ist und keine Erfolgserlebnisse hat, wird sich ebenso schnell von der Schule abwenden wie ein unterfordertes Kind. Ihm fehlen die unverhofften Erfolgserlebnisse. In beiden Fällen schaltet das Gehirn einfach ab.
Routine ist ebenfalls kontraproduktiv. Insofern kann man ein Kind durchaus mal belohnen, wenn es eine schwierige Aufgabe bewältigt hat. Wenn es aber für jede Eins im Diktat eine Belohnung gibt, tritt ein Gewöhnungseffekt ein und die Motivation bleibt auf der Strecke. Belohnungen sollten wohl dosiert sein, unerwartet kommen und etwas Besonderes sein – für besondere Leistungen.