Ich sehe was, was du nicht siehst

Datum: Freitag, 27. August 2021 15:59

Raus in die Natur!

Diese Ergebnisse sollen aber keineswegs in einem Plädoyer gegen das Lesen münden. Denn das Bücherlesen ist nur einer von mehreren Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob jemand eine Kurzsichtigkeit entwickelt. Ein weiterer Faktor ist die genetische Vorbelastung, also die Frage ob schon die Eltern eine Brille tragen. Sind beide Elternteile kurzsichtig, wird das Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent ebenfalls kurzsichtig, bei einem Elternteil mit Brille liegt die Wahrscheinlichkeit bei 30 Prozent – im Vergleich zu zehn Prozent ohne genetische Vorbelastung.

Ein zweiter großer Einflussfaktor ist das Tageslicht. Kurzsichtigkeit entsteht, wenn der Augapfel zu stark wächst und zu lang wird. Je früher dieser Prozess einsetzt, desto stärker ausgeprägt ist die Kurzsichtigkeit im Erwachsenenalter, da der Augapfel etwa bis zum 30. Lebensjahr wächst. Tageslicht hemmt das Wachstum. Daher empfehlen Experten, dass Kinder möglichst viel Zeit im Freien verbringen, idealerweise mindestens zwei Stunden täglich. Draußen trainieren Kinder automatisch das Sehen auf weite Entfernungen, wenn sie beispielsweise einen Vogel am Himmel entdecken oder ein Haus am Horizont. Wer viel Zeit draußen verbringt, der kann damit auch häufiges Lesen ausgleichen. Kinder, die viel lesen, aber zugleich viel draußen sind, haben kein höheres Risiko für Kurzsichtigkeit als gleichaltrige Lesemuffel. Am besten wird die Lesezeit auf den Balkon oder in den Garten verlegt.

Im Umkehrschluss heißt das für Tablet und Co.: Nicht die Nutzung von Bildschirmmedien verschlechtert die Sehfähigkeit. Aber Kinder, die viel auf dem Sofa vor dem Fernseher sitzen oder ständig im Kinderzimmer daddeln, sind weniger draußen. Damit fehlt den Augen Tageslicht. Insofern kann die übermäßige Nutzung digitaler Medien zumindest einen indirekten Einfluss auf die Augen haben.


Ab nach draußen: Bei Aktivitäten wie Drachensteigen bewegen sich Kinder und tun nebenher ihren Augen Gutes. 

Gesunder Lebensstil, gesunde Augen
Wer viel Zeit draußen verbringt, bewegt sich auch mehr. An der frischen Luft rennen, springen, klettern Kinder. Das tut nicht nur den Augen gut. Ohnehin fördert ein gesunder Lebensstil die Sehkraft. Wer sich viel bewegt, fördert die Durchblutung – das kommt auch den Augen zu gute. Eine abwechslungsreiche Ernährung ist ebenfalls hilfreich für eine gute Sehkraft. Vor fünf Jahren machte ein Fall aus Kanada Schlagzeilen. Ein 11-jähriger Junge war nach einer strengen Diät aufgrund von Allergien fast erblindet. Gemüse fehlte fast komplett auf seinem Speiseplan – und damit auch fast alle für die Sehkraft wichtigen Vitamine. Als besonders hilfreich für die Augen gelten Vitamin A, das der Körper aus Beta-Carotin gewinnt, das Nerven-Vitamin B, Vitamin C und E sowie der Pflanzenfarbstoff Lutein. Diese Lebensmittel enthalten besonders viel dieser „Augen-Nährstoffe“:

Beta-Carotin: Möhren, Süßkartoffel, Paprika, Tomate, Mango
Vitamin B: Kerne, Samen, Fleisch, Milchprodukte, Bananen, Vollkornprodukte
Vitamin C und E: Beeren, Nüsse, Zitrusfrüchte
Lutein: Seefisch, Leinöl, Aprikosen, Pfirsiche, Nektarinen, Orangen, grünes Gemüse wie Brokkoli, Spinat, Avocado, Erbsen

Wer sich normal und ausgewogen ernährt und auf Abwechslung auf dem Teller achtet, der nimmt ausreichend dieser Nährstoffe zu sich. Eine explizit Augen-freundliche Ernährung oder gar die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln sind nicht notwendig. Normale Ernährung schützt also vor Mangelerscheinungen wie in dem Extrembeispiel aus Kanada. Aber sie kann Augenkrankheiten oder Sehschwächen wie Kurzsichtigkeit nicht verhindern.


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