Ich sehe was, was du nicht siehst

Datum: Freitag, 27. August 2021 15:59

Ein Ratgeber rund ums Sehen und Kinderbrillen

Zu den Wortneuschöpfungen der Pandemie gehört auch der Begriff der „Quarantäne-Kurzsichtigkeit“. Erste Studien zeigen eine Zunahme der Kurzsichtigkeit bei Kindern und Jugendlichen bedingt durch die Pandemie. Über Wochen und Monate waren sie angehalten, das Haus oder die Wohnung nicht zu verlassen, bei Quarantäne war es ihnen sogar verboten. Was das mit unseren Kindern gemacht hat, ist Thema aktueller Untersuchungen. Dass es auch den Augen und der Sehkraft geschadet hat, darauf deuten erste Studien aus anderen Ländern hin. Das fehlende Draußenspiel, der Mangel an Tageslicht und das häufige Sitzen vor dem Bildschirm haben zu einer Zunahme an Kurzsichtigkeit geführt. Grund genug für uns, das Thema Augen und Sehen bei Kindern mal etwas genauer zu betrachten.

Entwicklung des kindlichen Sehvermögens

Schon im Mutterleib öffnet das Ungeborene das erste Mal die Augen, kann aber außer hell und dunkel nicht viel wahrnehmen. Auch direkt nach der Geburt kann das Neugeborene noch nicht viel mehr erkennen – die Sehfähigkeit mitsamt der organischen Voraussetzungen muss sich erst noch entwickeln. Die Augen des Neugeborenen sind noch unreif. Augenlinse, Netzhaut und Sehrinde im Gehirn müssen nachreifen. Daher sehen Babys in den ersten Lebenswochen nur sehr unscharf, können Farben nicht unterscheiden, sondern nur hell und dunkel. Zumindest aber reicht es, um Mamas und Papas Gesicht nach kurzer Zeit (wieder) zu erkennen. Neugeborene können Dinge am besten aus einer Entfernung von 20 bis 25 Zentimetern erkennen – meist nehmen Eltern beim Tragen oder Wickeln diesen Abstand intuitiv ein. Das Sehvermögen entwickelt sich in den ersten Lebensmonaten rasant weiter. Das Scharfsehen funktioniert mit der Zeit immer besser, zunächst auf kurzen Entfernungen, die Kinder beginnen Farben zu erkennen und zu unterscheiden, zunächst nur kräftige, kontrastreiche Farben. Daher sind Mobiles mit einfachen Formen in kräftigen Farben optimal, um das Sehen zu trainieren und dem Baby spannende Anreize zu geben. Die Fortschritte des Sehens im ersten Lebensjahr bemerken Eltern beispielsweise daran, wenn das Baby zum ersten Mal zurücklächelt oder bewusst nach Gegenständen zu greifen beginnt. In den ersten vier Wochen kommt es noch vor, dass Babys schielen. Das muss erst abgeklärt werden, wenn es über die sechste Lebenswoche hinaus auftritt. Etwa um den ersten Geburtstag verfügt ein Kleinkind über schätzungsweise 50 Prozent der Sehschärfe eines Erwachsenen, ungefähr im Vorschulalter können Kinder so scharf sehen wie Erwachsene ohne Sehschwäche. Das räumliche Sehen setzt im ersten Lebensjahr ein und wird in den folgenden Jahren gefestigt, bis es mit etwa neun Jahren ausgereift ist. Jetzt können Kinder realistisch einschätzen, ob zwei unterschiedlich große Autos gleich weit entfernt sind. Allerdings unterscheidet sich das Gesichtsfeld in diesem Alter noch von Erwachsenen, es ist seitlich noch eingeschränkt. Mit spätestens zwölf Jahren ist das Sehvermögen dann vollends ausgereift.

Kurzsichtigkeit: neue Volkskrankheit?

Einer der am weitesten verbreiteten Sehfehler ist Kurzsichtigkeit, auch Myopie genannt. Wer daran leidet, kann Dinge in direkter Nähe sehr gut sehen, hat mit zunehmender Entfernung aber Schwierigkeit, scharf zu sehen. Bei der Kurzsichtigkeit, die häufig während der Schulzeit beginnt, verlernt das Auge im Grunde das Sehen in der Ferne.

Diese Faktoren begünstigen Kurzsichtigkeit:

  • Veranlagung
  • Zu wenig Tageslicht
  • Häufiges Sehen auf kurze Distanz


Es gab in den zurückliegenden Jahren wiederholt Warnungen, dass immer mehr Menschen kurzsichtig werden, die Zahl der Brillenträger nehme zu und selbst Kinder bräuchten immer häufiger eine Brille. Als eine Ursache gilt die zunehmende Verbreitung von Smartphone, Tablet und Co. in Kinderzimmern. Ist da etwas dran? Wir haben Statistiken gewälzt und sind dabei zu überraschenden Erkenntnissen gekommen.

Die Kurzsichtigkeit nimmt zu – aber nur in bestimmten Altersgruppen und Weltregionen. Vor allem in Industrienationen ist sie ein Problem, besonders stark betroffen sind einige asiatische Regionen, wo die Quote für Kurzsichtigkeit unter jüngeren Menschen teilweise um 90 Prozent liegt. Laut Gutenberg-Gesundheitsstudie der Universität Mainz leidet in Deutschland etwa jeder dritte junge Erwachsene unter Kurzsichtigkeit.


Kurzsichtigkeit bei Kindern wird auch Schulmyopie genannt, weil sie bedingt durch häufiges Nahsehen meist im Schulalter beginnt. Foto: pch.vektor/Freepik.

Kinder sehen ab der Schule schlechter. Es gibt wenig Erhebungen zu Sehfehlern bei Kindern. Die Gesundheitsstudie KiGGS hat zwei Mal die Kurzsichtigkeit bei Kindern zwischen 0 und 17 Jahren erfragt. Eine Auswertung der beiden Studien im Ärzteblatt kommt zu beruhigenden Ergebnissen: In den vergangenen Jahren hat sich die Sehfähigkeit von Kindern nicht verschlechtert. Die erste Erhebung (2003-2006) hat eine Kurzsichtigkeit bei 11,6 Prozent der Kinder festgestellt, die zweite Erhebung (2014-2017) bei 11,4 Prozent der Kinder. Je älter die Kinder, desto mehr waren kurzsichtig. Vor allem in der Schule nimmt ihr Anteil zu. Mädchen sind etwas häufiger von Kurzsichtigkeit betroffen.

Bildungsstarke Menschen sind häufiger kurzsichtig. Mehrere Studien haben einen direkten Zusammenhang zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsweg nachgewiesen. So ist die Zahl der kurzsichtigen Hochschulabsolventen in Deutschland deutlich höher (53 Prozent) als der Bevölkerungsdurchschnitt (35 Prozent). Der Grund: Menschen mit höherer Bildung lesen viel in Büchern und an Bildschirmen und verbringen mehr Zeit drinnen – in der Schule, später in der Universität und der Bibliothek. Das erklärt auch die hohen Zahlen in bildungsstarken Regionen Asiens und bei Mädchen, die bekanntermaßen eher für Bücher zu begeistern sind als Jungs.

Smartphones machen keine schlechten Augen. Zumindest gibt es bisher kaum Studien, die einen solchen Einfluss belegen würden. Das gilt auch für andere Bildschirmmedien. In der Auswertung der KiGGS-Studien heißt es: „Ein Zusammenhang zwischen Myopie und der Nutzung anderer Medien, wie Fernsehen, Spielkonsole oder Computer, besteht den Daten zufolge nicht.“