Frühchen: kleine Schnellstarter mit großen Herausforderungen

Datum: Mittwoch, 26. August 2020 08:19

„Ich bin Karl. Der Plan meiner Eltern, mich voll ausgestattet in zehn Wochen liebevoll in die Arme nehmen zu können, wurde vor drei Tagen unvorhergesehen geändert. Ich hatte mich gerade so wohl gefühlt in Mama`s Bauch und mit ihr kleine Verständigungszeichen verabredet. Wenn sie mit mir sprach oder mich anstupste, klopfte ich von innen dagegen. Doch plötzlich änderte sich alles - die Fruchtblase platzte und es wurde immer enger. Jemand tauschte meine gemütliche Behausung gegen einen durchsichtigen, aber zumindest warmen Kasten aus. Nun bin ich verkabelt und beklebt, in meiner Nase ist ein Schlauch und ich habe etwas auf dem Kopf und um den Po gewickelt, was sich unangenehm anfühlt. Die Geräusche und das Licht sind ganz anders als in Mama`s Bauch. Ich kann auch keine schwerelosen Purzelbäume mehr machen. Habe ich Schmerzen, dann schreie ich, so laut ich kann. Alles ist so beängstigend groß und weit. Manchmal vergesse ich zu atmen, dann piept der Kasten laut.

Ich durfte schon einige Male auf der Brust meiner Mama kuscheln, ihren Duft einatmen und ein paar Tröpfchen Muttermilch schleckern. Das ist sehr schön, aber wahnsinnig anstrengend. Meistens schlafe ich nach kurzer Zeit ein und wenn ich die Augen aufmache, ist Mama weg und ich weiß nicht, ob sie wiederkommt. Meine gewohnte Welt fehlt mir und ich muss lernen, in der neuen Welt anzukommen. Aber ich habe einen starken Willen und will leben. Und ... ich bin nicht allein, neben mir liegen noch Thea, Ole, Alex und Mia, allesamt Schnellstarter wie ich. Ich strenge mich an, alles zu lernen, was die „Reifen“ schon können- allein atmen, Temperatur halten, saugen, schlucken, schlafen und wach sein, hören, schmecken, riechen, fühlen, sehen, mit Mama und Papa in Kontakt treten, um ihnen zu zeigen, was ich brauche. Dabei helfen mir ganz viele Leute. Ich glaube, sie sind auch froh, wenn ich bald nach Hause darf.“

So oder ähnlich könnte man sich das Tagebuch eines Frühgeborenen vorstellen, wenn es sich bewusst erinnern könnte. Aber auch für die betroffenen Eltern bedeutet die vorzeitige Geburt eines Babys, meist ohne vorherige Ankündigung, eine emotionale Belastung und Herausforderung. Ab diesem Moment stehen völlig neue Lebensaufgaben und Entscheidungen an. Gefühle von Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht oder Ausgeliefertsein aufgrund medizinischer Probleme oder Komplikationen gehen gleichzeitig einher mit der Sorge um die spätere körperliche oder geistige Entwicklung des Kindes. Diese Anspannung und Belastung können bei Eltern eines Frühgeborenen über Monate oder Jahre bestehen bleiben und eine gelungene Beziehung durch das Zurückgreifen auf intuitive Fähigkeiten behindern. Hinzu kommt, dass das Frühgeborene aufgrund seiner körperlichen Unreife noch nicht in der Lage ist, mit seinen Eltern so aktiv zu kommunizieren wie ein normal geborenes Baby. Es ist sehr reizempfindlich und leicht zu irritieren. So wechseln seine Verhaltenszustände z.B. bei Überforderung durch zu viele Reize schnell zwischen Übererregung (schreien, zittern) bis hin zur Überflutung oder Unteraktivierung („abschalten“, einschlafen) bis hin zur Erstarrung. Dies kann zu Irritationen oder Fehlinterpretationen und damit zu einer ungünstigen Eltern-Kind-Interaktion führen. Viele Eltern stellen ihre Kommunikation mit ihrem Kind aus Unsicherheit dann ein.

Sobald es der medizinische Zustand des Kindes erlaubt, können die Eltern auf der Intensivstation in der Interaktion mit ihrem Kind angeleitet werden. Zu der frühzeitigen Beziehungsaufnahme gehört die bewusste Anwesenheit der Eltern. Sie erlernen die Signale ihres Kindes wahrzunehmen und richtig zu interpretieren, um dann ihre Sprache, Gestik, Mimik und Handling an die kindlichen Besonderheiten anzupassen. Der Körperkontakt zwischen Eltern und dem Frühgeborenen sollte bereits auf der Intensivstation möglichst mehrmals täglich durchgeführt werden. Stress muss jedoch dabei vermieden werden, damit das Kind Berührungen mit seinen Eltern als positive Erfahrung empfindet. Der Bindungs- und Beziehungsaufbau kann dadurch schon sehr früh unterstützt werden und dem Kind Sicherheit bei der Bewältigung zukünftiger Herausforderungen geben.

Wie lange das Frühgeborene im Krankenhaus bleiben muss, hängt im Wesentlichen davon ab, wie früh es geboren wurde und wie schwer krank es war. Stabilisieren sich seine Vitalfunktionen und gedeiht es, kann es nach Hause entlassen werden. Die Eltern haben inzwischen Sicherheit in der Versorgung ihres Frühchens erlangt und sich auf die Ankunft in der Häuslichkeit vorbereitet. Zu Hause angekommen, sollte die erste sensible Phase für die Eltern und das Frühgeborene möglichst ruhig und ohne übertriebene Aktivitäten gestaltet werden. Es sollte darauf geachtet werden, dass alles in Maßen geschieht, um das Kind nicht zu überfordern.

Das Klinikpersonal vereinbart in der Regel mit den Eltern, auch weiterhin zu Fragen und Problemen Auskunft zu geben oder bietet eventuell auch eine familienorientierte Nachsorge für Frühgeborene an. Hier können noch auftretende Schwierigkeiten der Regulation (Beruhigen, Reizverarbeitung, Schlafen, Essen) begleitet werden und fachübergreifende Vernetzungen mit therapeutischen Einrichtungen oder sozialpädiatrischen Zentren angebahnt werden. Wichtig ist darüber hinaus, einen Kinderarzt für die Betreuung des Frühgeborenen in Wohnortnähe zu finden. Auch die Erfahrungen anderer Eltern von Frühgeborenen können eine große Unterstützung sein. Es gibt bundesweite oder regionale Elternvereine, die weiterhelfen können. Auch die lokalen Netzwerke Gesunde Kinder können Ansprechpartner sein und bei Bedarf vermitteln.

Die meisten Frühchen wachsen im Lauf der Zeit zu gesunden Kindern und Erwachsenen heran. Je nach Zeitpunkt der Frühgeburt wird der Entwicklungsrückstand mit leichter Verzögerung aufgeholt. Ausnahmen bilden extrem frühe Frühgeborene, welche bis in das Jugendlichen- und Erwachsenenalter in unterschiedlichen Ausprägungen in ihrer körperlichen und geistigen Entwicklung verzögert sein können. Die Eltern können durch eine gezielte Beobachtung und Förderung zur physischen und psychischen Entwicklung ihres Kindes beitragen. So können Probleme frühzeitig erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Frühfördernde Maßnahmen wie Logopädie, Ergotherapie, Physiotherapie und Familienzentriertes Interaktionstraining helfen dabei. Studien zeigen, dass die meisten ehemaligen Frühchen im Erwachsenenalter genauso entwickelt und zufrieden sind wie am Termin Geborene.

Frühchen ist nicht gleich Frühchen

In Deutschland gilt das Erreichen der 23. SSW als Grenze der Lebensfähigkeit von Frühgeborenen mit medizinischer Hilfe. Als Frühchen gelten Babys, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren werden. Abhängig von Geburtsgewicht und SSW gibt es noch weitere Unterscheidungen:

  • späte Frühgeborene (zwischen der 34. - 37. SSW geboren, kaum Unterschiede in Gewicht und Größe zum reifgeborenen Kind)
  • Frühgeborene mit sehr niedrigem Geburtsgewicht (< als 1500 g, meist vor der 32. SSW geboren)
  • Frühgeborene mit extrem niedrigen Geburtsgewicht (< als 1000 g, meist vor der 29. SSW geboren)


Jährlich werden in Deutschland über 65.000 Kinder vor der 37. SSW geboren, davon rund 11.000 Kinder sogar vor der 32. SSW, das entspricht einer Frühgeborenen-Rate von 8,6 Prozent. Dank der Entwicklung in Neugeborenen-Intensivmedizin sind die Überlebenschancen von Frühchen in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Selbst Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1000 g überleben zu 80 Prozent, wenn sie in gut ausgestatteten Perinatal-Zentren betreut werden. Um Komplikationen vorzubeugen, wird für das Kind bevorzugt die am we-nigsten belastende Methode der Entbindung, der Kaiserschnitt, gewählt. Unter bestimmten Voraussetzungen kann ab der 32. SSW auch eine Spontangeburt in Betracht gezogen werden.

verfasst von: Andrea Noack, IntraActPlus- Therapeutin, Säuglingstherapeutin/ Familienhebamme, Familien-zentrierte Interaktionstherapie (FAZIT), Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Niederlausitz GmbH
Quellen: Bundesverband „Das frühgeborene Kind“ e.V., Frankfurt a.M.; Broschüre Klarigo – Verlag für Patientenkommunikation www.klarigo.eu; Mit Ihrem Frühgeborenen zu Hause (S. Nantke); Fähig zum Körperkontakt (U. Streit, F. Jansen); www.intraactplus.de

www.netzwerk-gesunde-kinder.de