„Du musst doch keine Angst haben!“

Datum: Donnerstag, 27. August 2020 08:02

Wie entwicklungsbedingte Ängste uns voranbringen

Von Inken Tonn, Kreative Kindertherapeutin in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Jugendhilfe Cottbus gGmbH

Kinderängste lösen bei Eltern häufig Rat-und Hilflosigkeit aus. Viele Eltern fragen sich dann, ob sie etwas falsch gemacht haben und verspüren schnell ein schlechtes Gewissen oder geben sich die Schuld an den Ängsten ihrer Kinder. Kinder durchleben jedoch entwicklungsbedingt Ängste. Diese Ängste sind notwendig und gehören zum Leben dazu.

In der Evolution hat die Angst eine wichtige Funktion als Schutzmechanismus, der die Sinne schärft und ein der Gefahrensituation angemessenes Verhalten einleitet. Diese Aufgabe kann die Angst jedoch nur erfüllen, wenn weder zu viel Angst das Handeln blockiert, noch zu wenig Angst die Gefahren und Risiken ausblendet.

Zu den entwicklungsbedingten Ängsten gehört die sogenannte „Acht-Monats-Angst oder das Fremdeln“. Wurde in der früheren Erziehungshaltung oft von „Verwöhnen“ gesprochen, weiß man heute, dass dieses Verhalten eine gesunde Bindung des Säuglings an seine Bindungsperson zeigt.

 

Im ersten bis dritten Lebensjahr zeigen sich dann Trennungsängste, die besonders bei der Erkundung der Umwelt in Ambivalenz mit der Entdeckerfreude stehen. Die Eltern als sicherer Hafen sind dabei wichtig, das Kind zu stärken und zu neuen Entdeckungen zu ermutigen.

Im dritten bis sechsten Lebensjahr stehen soziale Ängste im Vordergrund. Das Kind erwirbt in dieser Zeit Fähigkeiten, sich in sozialen Gruppen zu verhalten und zu bestehen. Diese Fähigkeit ist eine wichtige Voraussetzung, um schulisch erfolgreich zu werden.

In der späten Kindheit, etwa vom 7.-12. Lebensjahr, hat das Kind so viele Kompetenzen erworben, dass sich eine ruhigere Zeit anschließt. Das Kind sammelt seine Kräfte, um die turbulente Zeit der Pubertät zu bestehen. In der Pubertät stehen die zentralen Fragen der Identität im Zentrum der Angst. „Wer bin ich, wo komme ich her, warum bin ich auf dieser Welt?“

Sind wir dann in der weiteren Entwicklung unserer Persönlichkeit frei von Ängsten? Nein – natürlich nicht; Fragen nach dem Bestehen einer eigenen Familie, wirtschaftliche Ängste, Gesundheitsfragen und im hohen Alter Ängste vor dem Alleinsein, Versorgt sein und letztendlich vor dem Tod werden uns begleiten.

Ängste gehören zu unserem Leben dazu. Sie zeigen uns an, wenn ein neuer Lebensabschnitt gemeistert werden will.

Literatur:
„Ängste machen Kinder stark“ Rogge, Jan-Uwe
„Warum Kinder Ängste haben“ Armbrust, Joachim
„Kinderängste-Elternängste“ Adriaenssens, Peter

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