„Der Wolf ist ein ganz normales Wildtier“

Datum: Donnerstag, 02. April 2026 14:27

Interview mit Carolin Stern von der Umweltbildungsstelle Wolf Sachsen

Die Umweltbildungsstelle Wolf ist die zentrale Einrichtung für Umweltbildung zum Thema Wolf in Sachsen. Im Erlichthof Rietschen zu Hause, liefert sie Schulklassen, aber auch Familien Informationen u.a. in einer Ausstellung und vielen individuellen Exkursionen ins Wolfsland. Wir sprachen mit Carolin Stern, Umweltpädagogin der Einrichtung.


Durch Ihre umweltpädagogische Arbeit in der Wolfsscheune sind Sie viel in Kontakt mit Familien. Unterscheidet sich die Einstellung gegenüber dem Wolf zwischen Eltern und deren Kindern?

Ja, meistens schon. Die Kinder sind meist noch aufgeschlossener und unvoreingenommener als die Erwachsenen und nehmen die Probleme, die die Erwachsenen bei dem Wolf sehen, noch nicht so wahr, sondern finden einfach das Tier spannend. Allerdings merkt man auch, wenn in der Familie voreingenommene Meinungen vorherrschen, dann kommen auch von den Kindern „Erwachsenenaussagen“, wie z.B. „Der Wolf frisst immer mehr Schafe.“.

Wird der Wolf in den Lausitzer Kitas/Schulen thematisiert? Und wenn ja, welches Bild vom Wolf wird den Kindern vermittelt?

Ja, wird er. Er passt auch ganz gut in den Lehrplan der 3. Klasse, wo es um den Wald geht. Daher sind wir auch viel in Grundschulen unterwegs. Aber auch weiterführende Schulen kommen gerne zu uns, wenn sie auf Klassenfahrt in den umliegenden Schullandheimen sind.
Von uns und unseren Referenten bekommen die Kinder ein möglichst objektives Bild vom Wolf. Wir möchten den Kindern vermitteln, dass auch der Wolf ein ganz normales Wildtier ist, wie jedes andere auch. Wir vermitteln spielerisch Wissen zum Aussehen, dem Verhalten, der Biologie und Ökologie des Wolfes, sowie seiner Rolle im Ökosystem. Je nach Wissensstand und Aufnahmefähigkeit der Klasse werden auch die Problematiken angesprochen und besprochen und nach Lösungen, teilweise mit den Kindern, gesucht. Auch Kitas nehmen unser Angebot immer mehr in Anspruch. Ihnen wird natürlich sehr vereinfacht und spielerisch das Thema Wolf näher gebracht.

Studien zeigen, dass Kinder immer mehr Zeit drinnen vor dem Bildschirm und weniger Zeit in der freien Natur verbringen. Wirkt sich die sinkende Draußenzeit der jungen Generation auf ihr Verständnis von und ihre Beziehung zu Wildtieren wie dem Wolf aus?

Tatsächlich gibt es im Verständnis von Natur und Wildtieren enorme Unterschiede, wobei es meiner Erfahrung nach aber mehr auf die Philosophie der jeweiligen Schule, bzw. maßgeblich auf die Einstellung der Lehrer ankommt. Wir hatten schon Klassen aus Großstädten, wo die Vermutung nahe lag, dass diese Kinder nie draußen sind, und dann andere Klassen, ebenfalls aus der Großstadt, die sich total gut auskannten und einfach gerne draußen unterwegs sind. Ich glaube, es findet langsam wieder ein Umdenken statt, sowohl bei den Eltern, als auch bei den Lehrern. Das Verständnis für die Wichtigkeit der Natur wird wieder bewusster.
Generell haben Kinder, die vermutlich weniger Draußenzeit haben, einen sehr theoretischen Blick auf Natur und Tiere. Sie erzählen dann nicht aus der Erfahrung heraus, sondern dass sie das schon mal im Fernsehen gesehen oder in einem Buch gelesen haben. Sie sind dadurch der echten Natur sehr entfremdet, finden Matsche auf dem Weg ekelig, fürchten sich vor Brennnesseln und haben Angst um ihre Frisur, wenn man durchs Gebüsch läuft. Bezogen auf den Wolf kann dieses theoretische Wissen sehr unterschiedlich ausfallen in der Meinung über den Wolf. Manche finden ihn sehr spannend und mystisch, andere sehen ihn eher als großen Hund und wieder andere haben schon auf unseren kleinen Exkursionen Angst, dass wir einem Wolf begegnen könnten.

Müssen Kinder zwingend einen Wolf sehen, um sich für die Tierart zu begeistern? Welche anderen Möglichkeiten gibt es, den Wolf auch ohne direkten Kontakt zu erleben?

Ich glaube nicht, dass es zwingend notwendig ist, ein Tier zu sehen, um sich für es zu begeistern. Begeisterung bringt die kindliche Neugier von sich aus mit. Allerdings ist es ja in der heutigen Zeit auch kaum noch möglich, ohne visuelle Reize etwas zu erleben. Also nein, es ist nicht nötig, dass Kinder einen echten Wolf gesehen haben müssen, denn durch die Medien kann man sie super an das Thema heranführen und den Wolf nahe bringen. Das hilft sicher, das Interesse an der Art zu wecken. Wir nutzen daher gerne Fotofallenaufnahmen, als auch Bildungsmaterial wie Fellreste oder ein Schädelpräparat. Ich selbst habe einen Wolfshundmischling, den ich gerne in die Arbeit integriere um z.B. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Wolf und Hund entdecken zu lassen oder auch die Größe zu relativieren, denn viele (tatsächlich vor allem Erwachsene) sind immer noch der Meinung, dass Wölfe riesig sind. Eine weitere Möglichkeit sind Spiele, bei denen sie sich mit den Tieren identifizieren können. Man erklärt also bestimmte Fakten und lässt die Kinder dann im Spiel das Wissen umsetzen.

Ist eine Wanderung durchs Wolfsgebiet auch für Familien geeignet – und wenn ja, was sollten sie beachten?

Eine Wanderung durchs Wolfsgebiet ist für Familien und alle anderen Personen ebenfalls geeignet. Der Wolf ist ein ganz normales Wildtier, das dem Menschen üblicherweise lieber aus dem Weg geht. Natürlich gibt es auch neugierige Individuen, die erst einmal schauen, wer da ihren Weg kreuzt. Dann ist es wichtig, erst einmal die Situation einzuordnen. Ich sage immer gerne: Bei einer Wolfsbegegnung sollte man sich die Frage stellen, ob ich beim Wolf im Wohnzimmer stehe oder er bei mir. Soll heißen: Sammle ich Pilze und treffe mitten im Wald, fernab der Wege, auf einen Wolf, ziehe ich mich ruhig und langsam zurück, denn dann stehe ich bei IHM im Wohnzimmer. Laufe ich durch eine Siedlung (oder auch einen Wanderweg entlang), dann ist es ratsam, laut auf sich aufmerksam zu machen und den Wolf aktiv zu verscheuchen, denn dann steht er quasi bei UNS im Wohnzimmer. Wölfe sind schlaue Tiere, die sich schnell merken, wo etwas angenehm oder sogar erfolgreich war (z.B. wenn es von Spaziergängern Futter gibt) und wo die Begegnung unangenehm war. Zu Gunsten des Wolfes (und uns) sollte daher ein Zusammentreffen zwischen Wolf und Mensch in Gebieten, wo öfter Menschen unterwegs sind, so unangenehm wie möglich für den Wolf sein.

Familien können in der Ausstellung der Wolfsscheune einiges über unsere wilden Wölfe lernen. Die Ausstellung befindet sich ja nun nach 16 Jahren im Umbau – wann eröffnet die neue Ausstellung und was wird es alles für Kinder und Familien zu lernen und entdecken geben?

Die Ausstellung wird offiziell zum Lausitzer Wolfstag am 17. Oktober 2026 eröffnet. Die Besucher erwartet dann eine völlig neue, interaktive Ausstellung, die sowohl Fakten zum Wolf (Biologie und Ökologie) vermittelt als auch zum Nachdenken anregt, z.B. durch die Offenlegung der Probleme für die Nutztierhaltung. Eine Wolfshöhle, die von innen betrachtet werden kann, entführt die Besucher in die Welt der Jungenaufzucht und erklärt das Wolfsjahr und die Rudelstruktur. Eine Sinnesstation offenbart die Fähigkeiten des Wolfes.
Wir wollen mit der Ausstellung beide Seiten, also Wolfskritiker als auch die Befürworter, erreichen und erwirken, dass sich die gegensätzlichen Seiten verstehen lernen. Denn das einzige, was dem Wolf UND uns Menschen hilft, ist ein Verständnis füreinander und ein ständiger Austausch. Nur so können gute Lösungen für eine konfliktarme Koexistenz entwickelt werden.

Wie können Eltern ihren Kindern den Wolf auch im Alltag näherbringen?

Ich glaube, wir müssen das Thema größer denken. Es sollte nicht darum gehen, den Kindern einzelne Arten näher zu bringen, sondern eine wertfreie, respektvolle Grundeinstellung zu vermitteln. Kinder haben den entscheidenden Vorteil, dass sie Vorurteilsfrei alles entdecken wollen und spannend finden. Eine Wertung zu Situationen, Zuständen, Tieren und Pflanzen geben erst die Erwachsenen dazu (blödes Unkraut, schmerzhafte Brennnessel, böser Wolf, scheues Reh, blöder Regen, schlechtes Wetter,…). Wenn wir unseren Kindern vermitteln, respektvoll mit der Umgebung umzugehen und die Dinge so zu akzeptieren, wie sie eben sind, nehmen wir die Bewertung und damit die Angst und dann ist jedes (Wild)Tier gleichwertig. Eltern sollten also mit den Kindern in die Natur gehen und sie selbst entdecken lassen. Sollte sich das Kind an einer Brombeere piksen, ist das kein Drama, sondern der Abwehrmechanismus der Pflanze. Das nächste mal erkennt das Kind die Pflanze und greift nicht einfach zu. Es lernt also, ohne die Pflanze „blöd“ zu finden. So kann es auch die Tierwelt kennen- und wertschätzen lernen.

Gibt es im Gegensatz zu Rotkäppchen Geschichten oder Kinderbücher, die ein positives Bild vom Wolf vermitteln?

Ja, gibt es. Der Wolf ist in allen Formen und Varianten sehr beliebt in der Literatur. Dabei ist er manchmal der Böse, manchmal der Freund, manchmal der Retter, manchmal der Magische. Man sollte Geschichten um den Wolf (und generell im Leben) immer hinterfragen und reflektieren können. Ich glaube auch nicht, dass Rotkäppchen und Co. für das schlechte Image des Wolfes bei manchen Menschen ursächlich sind. Kinder nehmen auch „das Böse“ nicht einfach so hin, sondern stellen Fragen zu den Geschichten. Da gilt es auch wieder zu erklären und Zusammenhänge und die Realität aufzudecken. Im Gegenzug sind nämlich Geschichten, die den Wolf romantisch verklären, ebenso schädlich und kontraproduktiv für den Wolf, wenn sie nicht hinterfragt werden. Bei Interesse an Literatur können die Leute gerne zu uns in die Umweltbildungsstelle kommen. Wir haben eine kleine Bibliothek mit verschiedensten Büchern rund um den Wolf, die ausgeliehen werden können.

Was würden Sie Familien empfehlen, die das Leben der Wölfe in der Lausitz unterstützen möchten?

Was den Wölfen am meisten hilft, ist Akzeptanz und weniger Diskussion. D.h. Menschen sollten sich über den Wolf, und zwar in alle Richtungen, informieren. Dafür können sie natürlich gerne unsere Veranstaltungen oder ab Herbst unsere neue Ausstellung besuchen. Wichtig ist ein konstruktiver Diskurs und lösungsorientiertes Denken. Das muss man sich unter Umständen erst aneignen und dann natürlich weitergeben – an die eigenen Kinder, an Nachbarn oder Verwandtschaft.

Danke für das Interview.



Wolfswelpen beim Raufen. Foto: Sebastian Koerner