Schon kleine Veränderungen können viel bewirken

Datum: Mittwoch, 29. April 2026 17:32

Interview mit Tobias Schalyo, einem vegan lebenden Familienvater

Seit wann leben Sie vegan – und wie kam es dazu?

Ich lebe seit neun Jahren vegan. Ich habe ursprünglich aus gesundheitlichen Gründen begonnen, mich intensiver mit Ernährung zu beschäftigen – auch durch mein Studium der Sportökonomie mit den Schwerpunkten Gesundheit und Prävention. Mit der Zeit habe ich gemerkt, wie gut mir die Umstellung auf eine pflanzliche Ernährung tut. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass pflanzliche Ernährung in Bezug auf Langlebigkeit und Prävention viele Vorteile mit sich bringt. Mit der Zeit sind weitere Aspekte dazugekommen: ein Bewusstsein für Tierwohl, ethische Fragen, Umwelt und die eigenen Entscheidungen im Alltag. Heute ist das für mich ein ganzheitlicher Lebensstil.

Also passierte die Umstellung nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt?

Genau, das war tatsächlich ein schleichender Prozess. Es waren viele kleine Entscheidungen, die sich irgendwann zu einem klaren Weg entwickelt haben. Ich habe mich immer intensiver mit den Zusammenhängen beschäftigt – zwischen Ernährung, Gesundheit, aber eben auch Tierleid und Umwelt. Irgendwann konnte ich das nicht mehr ausblenden und wollte bewusst Verantwortung übernehmen.

Wie hat Ihr Umfeld auf diesen Schritt reagiert?

Am Anfang war ich tatsächlich der Einzige in der Familie, der vegan lebt. Aber das hat sich verändert. Heute gibt es bei Familientreffen ganz selbstverständlich vegane Optionen. Meine Mutter lebt inzwischen fast vegan, mein Vater vegetarisch. Das zeigt, wie sehr sich das Thema in den letzten Jahren entwickelt hat.

Haben Sie manchmal noch Lust auf ein Schnitzel oder guten Käse?

Nein, ehrlich gesagt überhaupt nicht. Für mich stellt sich die Frage gar nicht mehr. Ich merke, wie gut es mir körperlich und mental geht, und auch das Gefühl, kein Tierleid zu unterstützen, ist mir wichtig. Natürlich gibt es viele vegane Alternativen – die können gerade beim Einstieg helfen. Aber ich selbst esse überwiegend vollwertig mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreide.

Sie haben von gesundheitlichen Veränderungen berichtet – was hat sich konkret verbessert?

Ich hatte früher öfter mit Entzündungen und Schmerzen zu tun, vor allem durch intensiven Sport. Nach der Umstellung und einer Fastenphase waren diese Beschwerden plötzlich weg. Ich fühle mich fitter, leistungsfähiger und insgesamt ausgeglichener.

Sie leben als Familie vegan. Klappt das im Alltag gut?

Ja, sehr gut sogar. Meine Frau lebt ebenfalls vegan, und unser Sohn wächst in diesem Umfeld auf. Er ist noch klein, und wir möchten ihm ein gutes Fundament mitgeben. Später soll er seine eigenen Entscheidungen treffen können, aber eben auf Basis von Wissen und Bewusstsein. Und natürlich spielt das Thema, seit ich Vater bin, nochmal eine größere Rolle, weil ich ja mit meiner Lebensweise meinem Kind ein Vorbild mit auf den Weg gebe.

Begegnen Ihnen Vorurteile – gerade als Vater?

Bisher erstaunlich wenig. Insgesamt erleben wir viel Offenheit, auch im medizinischen Umfeld. Da wird uns geraten, gut informiert zu sein und auf Nährstoffe zu achten – was wir ja ohnehin tun.

Wie sieht das konkret aus?

Vitamin B12 supplementieren meine Frau und ich täglich, denn das ist wirklich wichtig. Unser Sohn ist erst wenige Monate alt, neben Vitamin B12 bekommt er auch Vitamin D3 und K2. Andere Werte wie Eisen oder Jod lassen wir regelmäßig über Bluttests überprüfen und supplementieren dann bei Bedarf oder schauen, wie wir die Ernährung anpassen können. In der Schwangerschaft hat meine Frau noch weitere Nährstoffe supplementiert – wie sie jeder Schwangeren empfohlen werden, unabhängig von der Ernährungsform. Grundsätzlich gilt aber: Wenn ich mich bunt und vielfältig ernähre, dann kriegt der Körper die verschiedenen Nährstoffe, die er benötigt. Wenn ich natürlich jeden Tag das Gleiche esse und das vielleicht noch nährstofflos zubereite, dann entstehen fragliche Nährstoffdefizite, nicht nur bei der veganen Ernährung.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen kulinarisch aus?

Morgens gibt es oft ein Müsli mit Obst, Nüssen und manchmal etwas pflanzlichem Joghurt. Mittags etwas Einfaches wie Brot mit Aufstrichen und Rohkost oder eine Gemüsepfanne mit Nudeln. Abends dann zum Beispiel ein Kichererbsen-Curry mit Reis oder Wraps mit Falafel. Wir kochen viel frisch und abwechslungsreich und sind grundsätzlich offen für unterschiedliche Kulinariken auch aus anderen Ländern. Ich bin früher viel gereist und konnte so in alle Kontinente mal reinschmecken. Diese Vielfalt habe ich beibehalten.

Und das gilt auch für Ihr Kind?

Da geht es jetzt erst los. Wir sind gerade in der Umstellungsphase auf Brei und feste Nahrung und haben da erste Erfahrungswerte sammeln können. Fertig zubereitete Gläschen aus dem Supermarkt mag unser Sohn zum Beispiel nicht, das schmeckt ihm einfach nicht. Wenn wir die Sachen aber frisch zubereiten, dann isst er das mit viel mehr Liebe und auch Geschmack.

Wie wollen Sie damit umgehen, wenn Ihr Kind später mal Käse oder eine Wiener probieren möchte?

Das ist völlig in Ordnung, wir wollen keine Verbote aufstellen. Uns ist vielmehr wichtig, Wissen zu vermitteln und ein Bewusstsein zu schaffen. Daher würde ich mit unserem Sohn darüber sprechen. Am Ende darf und soll er eigene Entscheidungen treffen – aber informiert und reflektiert.

Spätestens wenn Ihr Kind in die Kita kommt, stehen Sie vor der Frage eines veganen Mittagsanagebots. Ist das bei Ihnen eine Hürde?

Wir haben uns Anfang des Jahres mehrere Kitas bei uns im Ort angeschaut und uns dort auch über das Thema Verpflegung informiert. Tatsächlich gibt es eine Kita, die ein fast ausschließlich vegetarisches Mittagsangebot hat. Dort haben wir nach einer veganen Option gefragt und das ist problemlos möglich.

Wie ist es, wenn Sie ausgehen und essen wollen – finden Sie dort vegane Angebote?

Wir leben in einer 15.000-Einwohner-Stadt im Großraum von Stuttgart. In Stuttgart ist das Angebot sehr groß, da hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. Es gibt Cafés und Restaurants mit einem rein veganen Angebot, aber auch fast überall vegane Gerichte auf der Speisekarte. In unserem Heimatort ist es schon etwas schwieriger. Aber da haben wir die Erfahrung gemacht: wenn man freundlich nachfragt, sind viele Restaurants sehr offen, Gerichte von der Speisekarte anzupassen, beispielsweise den Käse bei der Pizza wegzulassen.

Würden Sie sagen, vegane Ernährung ist aufwändiger oder teurer?

Das wird oft gedacht, stimmt aber so nicht. Wenn man sich auf einige Grundzutaten konzentriert – also Getreide, Hülsenfrüchte, Obst und Gemüse – ist es im Einkauf meist sogar günstiger. Und viele Gerichte lassen sich gut vorbereiten oder in größeren Mengen kochen und am nächsten Tag aufwärmen, was im Familienalltag hilft.

Was würden Sie Familien raten, die sich für das Thema vegane Ernährung interessieren?

Offen sein und einfach ausprobieren. Niemand muss von heute auf morgen alles umstellen. Schon kleine Veränderungen können viel bewirken. Und gerade mit Kindern kann man das spielerisch entdecken – neue Lebensmittel, neue Rezepte, neue Gewohnheiten. Vegane Alternativen wie vollständig pflanzenbasierte Wurst-, Fleisch- und Milchprodukte können den Umstieg erleichtern, gerade wenn es zum Beispiel um das Thema Kochen geht. Im Familienalltag muss es ja doch mal schnell gehen, auch in der Küche. Und dann gibt es eben etablierte Gerichte, die man einfach gerne isst, wie vielleicht das Schnitzel. Und wenn ich dann einfach das vegane Schnitzel nehme und es schmeckt trotzdem allen, dann habe ich mit wenig Aufwand einen einfachen Schritt hin zu mehr Tierfreundlichkeit gemacht.

Was wünschen Sie sich, sollte sich gesellschaftlich im Umgang mit dem Thema Ernährung ändern?

Ich würde mir mehr Offenheit und weniger Bewertung wünschen. Ernährung ist etwas sehr Persönliches, Menschen entscheiden sich aus ethischen, religiösen oder gesundheitlichen Gründen für oder gegen bestimmte Lebensmittel. Gleichzeitig hat jede Einkaufsentscheidung, die ich auf meinem Teller platziere, Auswirkungen auf die Tiere, auf die Umwelt und auf unsere Gesundheit. Wenn wir alle bewusster und respektvoller damit umgehen, wäre schon viel gewonnen. Mich persönlich treibt die Motivation an, noch mehr Menschen dafür zu begeistern, sodass unsere Welt für uns und für unsere Kinder gesund und fröhlich bleibt und hoffentlich auch friedlicher wird.