Wir unterstützen Frauen dabei, ihr Kind zu gebären

Datum: Freitag, 04. September 2026 15:40

Elke Mattern über mehr Selbstbestimmung im Kreißsaal

Was passiert, wenn im Kreißsaal kein Gebärbett mehr im Mittelpunkt steht, sondern Matratzen, Schaumstoffwürfel und Sitzsack? Enden Geburten dann seltener mit einem Kaiserschnitt? 2022 wurde genau das in der Be-Up-Studie mit knapp 3.800 Frauen untersucht. Zu den Autorinnen gehört die Wissenschaftlerin und langjährige Hebamme Elke Mattern von der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg. Im Interview erklärt sie, warum die Studie ein überraschendes Ergebnis brachte, wieso Bewegung und Selbstbestimmung bei der Geburt so wichtig sind und wie die werdenden Eltern selbst dazu beitragen können.

Frau Mattern, die Be-Up-Studie sollte untersuchen, ob eine andere Gestaltung des Kreißsaals die Zahl der Kaiserschnitte senken kann. Wie kam es zu dieser Idee?

Wir wissen schon lange, dass eine aufrechte Körperhaltung und Bewegung den Geburtsverlauf unterstützen können. Deshalb wollten wir wissen: Wenn wir die räumlichen Bedingungen so verändern, dass Frauen sich während der Eröffnungsphase möglichst viel bewegen und aufrecht bleiben können – wirkt sich das auch auf die Kaiserschnittrate aus? Dafür wurde in 22 Kliniken jeweils ein Kreißsaal als sogenannter Be-Up-Raum gestaltet. Dort gab es unter anderem Schaumstoffelemente und Matten, die zu verschiedenen aufrechten Positionen und Bewegungen aufforderten.

Das Ergebnis war allerdings anders als erwartet.

Ja, und genau das war das Überraschende. Wir hatten erwartet, dass es im Be-Up-Raum deutlich mehr vaginale Geburten geben würde. Bei insgesamt 3.719 teilnehmenden Frauen zeigte sich aber kein Unterschied zwischen dem Be-Up-Raum und dem normalen Kreißsaal. Die Rate der vaginalen Geburten lag in beiden Gruppen bei 88 beziehungsweise 89 Prozent. Unser ursprünglicher Ausgangswert lag deutlich niedriger.

Wie erklären Sie sich dieses Ergebnis?

Letztlich können wir nur spekulieren. Eine Erklärung könnte sein, dass durch die Studie insgesamt mehr Hebammen, Ärzte und Ärztinnen für aufrechte Gebärhaltungen sensibilisiert wurden. Vielleicht haben sie auch im normalen Kreißsaal mehr darauf geachtet, dass Frauen sich bewegen und verschiedene Positionen einnehmen können. Die Studie hat also möglicherweise nicht nur den einen Raum verändert, sondern auch etwas im Denken und Handeln der beteiligten Teams.

Gab es weitere positive Effekte?

Ja, sehr interessante: Die Kommunikation zwischen Hebammen und Ärztinnen und Ärzten hat sich verbessert, und auch die Arbeitszufriedenheit ist gestiegen. Das wurde später noch einmal wissenschaftlich untersucht. Offenbar haben sich die Berufsgruppen durch die gemeinsame Arbeit besser verstanden und mehr miteinander kommuniziert. Das ist ein Ergebnis, das über die eigentliche Fragestellung der Studie hinausgeht.

Und wie haben die Gebärenden selbst die Geburt erlebt?

Hier gab es einen sehr deutlichen Zusammenhang: Je mehr sich die Frauen während der Geburt in aufrechten Positionen befanden, z.B.im Sitzen, Stehen oder Vierfüßlerstand, desto stärker empfanden sie ihre Geburt als selbstbestimmt. Sie hatten eher das Gefühl, Einfluss auf den Geburtsverlauf nehmen zu können, aktiv beteiligt zu sein und Kontrolle zu behalten.

Warum ist dieses Gefühl der Kontrolle so wichtig?

Für die Zufriedenheit mit einer Geburt ist offenbar nicht entscheidend, ob am Ende alles so läuft, wie man es sich vorgestellt hat. Auch ein Kaiserschnitt in einer Notfallsituation kann von einer Frau als gute Geburt erlebt werden. Schwierig wird es eher, wenn sie das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren: wenn sie nicht versteht, was gerade passiert, warum eine Entscheidung getroffen wird oder welche Möglichkeiten es noch gibt. Deshalb ist es so wichtig, Frauen während der Geburt einzubeziehen und ihnen die Vorgänge zu erklären.

Wie kann das konkret passieren?

Entscheidungen sollten gemeinsam getroffen werden. Wenn beispielsweise eine Intervention vorgeschlagen wird, sollte erklärt werden, warum sie sinnvoll ist, welche Alternativen es gibt und wie viel Zeit möglicherweise noch zum Abwarten bleibt. Die Frau sollte nicht das Gefühl haben, dass über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Sie muss wissen: Was passiert gerade? Warum machen wir das? Welche Möglichkeiten habe ich?

Was können Frauen darüber hinaus tun, wenn sie sich eine möglichst natürliche Geburt wünschen?

Informiert in die Geburt gehen und während der Schwangerschaft mit der Hebamme und dem Partner darüber sprechen, was einem wichtig ist. Wer die Möglichkeit hat, kann sich nach einer Beleghebamme oder einer hebammengeleiteten Geburt erkundigen. Auch eine außerklinische Geburt kann für manche Frauen eine Option sein. Entscheidend ist für mich aber vor allem: aktiv bleiben, Entscheidungen mittragen, Alternativen erfragen und sich nicht einfach aus der Verantwortung nehmen lassen.

Welche langfristigen Effekte hatte die Studie? Haben die beteiligten Kliniken ihre Kaiserschnittrate dauerhaft gesenkt oder Elemente des Be-Up-Konzepts übernommen?

Das haben wir im Nachgang nicht mehr verfolgen können, da die finanzielle Förderung zeitlich begrenzt war. Was wir allerdings wissen: Die Be-Up-Materialien, die eigens für die Studie entwickelt wurden, kommen inzwischen auch in anderen Kliniken zum Einsatz, ebenso in Geburtshäusern und in Hochschulen für die Hebammen-Ausbildung. Die nächste Generation lernt also viel selbstverständlicher, Gebärpositionen wie den Vierfüßlerstand oder eine Geburt auf einer Matratze umzusetzen.

Warum ist das so wichtig?

Weil das, was wir sehen und lernen, unser Handeln prägt. In Lehrbüchern werden Geburten noch immer häufig in Rückenlage dargestellt. Wenn man andere Positionen nicht kennt oder nicht geübt hat, ist es schwieriger, sie in der Praxis zu ermöglichen. Deshalb ist es wichtig, dass Bewegung und aufrechte Gebärhaltungen schon in der Ausbildung ganz normal werden. Dass man die Begleitung einer spontanen Geburt auch verlernen kann, zeigt das Beispiel der Türkei, wo ich viele Jahre gelebt habe. In manchen Kliniken lag die Kaiserschnittrate bei 80 Prozent. Der Kaiserschnitt gehört dort zum Standard, manche Ärzte wissen gar nicht, wie sie eine spontane Geburt begleiten sollen, einfach weil ihnen die Erfahrung fehlt.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Faktoren wie Zeitdruck, Personalmangel oder wirtschaftliche Rahmenbedingungen beim Thema Kaiserschnitt?

Offiziell sollte der wirtschaftliche Druck natürlich keine Rolle bei der Entscheidung für oder gegen einen Kaiserschnitt spielen. Aber ein Krankenhaus muss sich tragen, und eine Geburtsstation muss ebenfalls wirtschaftlich funktionieren. Gleichzeitig betreuen Hebammen heute teilweise vier bis sechs Frauen gleichzeitig. Das bedeutet enormen Druck. Wenn eine Hebamme bei einer Frau in Ruhe bleiben möchte, weiß sie gleichzeitig, dass nebenan weitere Frauen ihre Unterstützung brauchen.

Wenn Sie ein bundesweites Programm zur Senkung der Kaiserschnittrate entwickeln dürften: Welche drei Maßnahmen würden Sie zuerst umsetzen?

Erstens brauchen wir mehr Hebammen in den Kliniken und damit mehr Zeit für die Frauen. Zweitens sollten Frauen die Zeit bekommen, die sie für den Geburtsverlauf brauchen. Und drittens brauchen wir eine bessere sektorübergreifende Zusammenarbeit, also zwischen Schwangerschaftsvorsorge, Hebammen, Gynäkologie und Klinik. Und diese Zusammenarbeit sollte frauenzentriert sein, also darauf eingehen, welche Wünsche und Vorstellungen die Frau hat.

Wenn eine Schwangere Sie heute fragt: „Was kann ich tun, um die Chance auf eine selbstbestimmte Geburt zu erhöhen?“ – was würden Sie ihr antworten?

Informieren Sie sich. Sprechen Sie mit Ihrer Hebamme und Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin über die Geburt und darüber, was Ihnen wichtig ist. Fragen Sie nach Alternativen und beteiligen Sie sich an Entscheidungen. Und bleiben Sie handelnd. Eine Geburt ist eine enorme Leistung. Wenn eine Frau das Gebären als etwas Positives erlebt, das sie selbst bewältigt und mitgestaltet hat, kann daraus eine große Stärke entstehen, die im besten Fall über die nächsten 18 Jahre trägt, bis aus dem Neugeborenen ein erwachsener Mensch geworden ist.

Infos zur Studie & die Be-Up-Kreißsaal-Ausstattung gibt es unter:

www.be-up.info