
In der Wolfsfamilie lernen die unerfahrenen Welpen von ihren Eltern und älteren Geschwistern, bis sie bereit sind, eine eigene Familie zu gründen. Foto: Steffen Heiber
Von wegen einsamer Wolf
Stellt man uns die Frage, welche Tiere uns Menschen ähneln, dann haben wir als Bild sicherlich Schimpansen, Gorillas oder sogar Elefanten und einige Walarten im Kopf, die uns in Sachen Intelligenz und Sozialverhalten verblüffend nahekommen. Kaum jemand würde bei der Frage an den Wolf denken. Dabei ist er uns in seinem sozialen Wesen ähnlicher, als wir vielleicht auf den ersten Blick glauben.
Mama und Papa statt Alphawolf
Entgegen veralteter Theorien, die der Beobachtung von Wölfen in Gefangenschaft entspringen, existiert bei freilebenden Wölfen keine blutig umkämpfte Rangordnung, in der sich der Stärkste als „Alphawolf“ durchsetzt. Leitwölfin und Leitwolf zeichnen sich in einem Wolfsrudel nicht durch besonders hohe Aggressivität oder Dominanz aus, sondern ergeben sich auf natürliche Weise, wenn zwei Wölfe eine Familie gründen. Denn ein Wolfsrudel ist letztendlich nichts anderes als eine Familie – bestehend aus den beiden Elterntieren und ihrem Nachwuchs der letzten ein bis zwei Jahre. Innerhalb dieser Familie gibt es Nähe, Regeln, Fürsorge und auch die eine oder andere Meinungsverschiedenheit. So unterscheidet sich ein Wolfsrudel nicht sonderlich von einer menschlichen Familie.
Kommunikation is Key
Die Sprache der Wölfe geht weit über ein Heulen hinaus und ist zentraler Bestandteil ihres Sozialverhaltens. Unterschiedlichste Laute wie Winseln, Knurren, Wuffen oder Heulen, eine komplexe Körpersprache, aber auch Körpergerüche und Berührungen wie ein Nasenstupser, Pföteln oder das sanfte Anknabbern des Partners gehören zur alltäglichen Kommunikation. Durch sie werden die Familienbande gestärkt und Konflikte möglichst friedlich gelöst. Gerade Berührungen und körperliche Nähe sind innerhalb der Wolfsfamilie wichtig. Wie bei uns Menschen wird gekuschelt, gespielt, aber auch Fehlverhalten korrigiert.
Von der Kinderstube zur eigenen Familie
Immer im Mai kommen die Wolfswelpen zur Welt. Um sie zu versorgen und großzuziehen, arbeiten nicht nur die Wolfseltern zusammen, sondern auch die älteren Geschwister werden aktiv in die Versorgung und Erziehung der Welpen einbezogen. Sie finden Nahrung, spielen und kuscheln mit den Kleinen und zeigen ihnen, wie man sich in der Welt zurechtfindet – bei Wölfen ist Kindererziehung Familiensache. Die Welpen lernen durch Mitlaufen, Nachahmen und Spielen. Für ihren Schutz sorgt in den ersten Lebenswochen die Höhle, in der sie zur Welt gekommen sind. Später halten sich die Welpen dann auch außerhalb des Baus auf einem sogenannten Rendezvousplatz auf, der neben Rückzugsmöglichkeiten mehr Raum zum Toben und Erkunden bietet. Mit der Zeit werden aus den tapsigen Welpen sogenannte Jährlinge – junge Wölfe im zweiten Lebensjahr, die nun zwar nicht mehr klein, aber auch noch nicht ganz erwachsen sind – ähnlich wie Teenager. Oft bleiben sie noch eine Weile bei der Familie, profitieren von der Erfahrung ihrer Eltern und helfen bei der Betreuung der neuen Welpen. Nach spätestens zwei Jahren verlassen die meisten Jährlinge ihr Zuhause, um eine eigene Familie zu gründen.
Der einsame Wolf
Auf der Suche nach einem geeigneten Partner bzw. einer geeigneten Partnerin legen besonders männliche Wölfe hunderte Kilometer zurück – wie ein junger Wolfsrüde, der von der Lausitz aus per GPS-Tracker bis nach Weißrussland verfolgt werden konnte. Während dieser Zeit sind Wölfe auf sich allein gestellt. Da der Wolf jedoch nicht für ein Leben in Einsamkeit geschaffen, sondern ein wahres Familientier ist, bleibt ein Wolf selten lange allein. Hat sich ein Wolfspaar gefunden, suchen sie sich ein geeignetes Territorium, in dem sie ihre Familie gründen können.
Alleinerziehende Eltern
Scheidung und Trennung gibt es bei Wolfspaaren nicht – dennoch können Krankheiten, Autounfälle und auch der Abschuss eines Elterntieres ein Rudel erschüttern. Stirbt ein Vater oder eine Mutter, kann die Familie weiterbestehen, besonders wenn ältere Jungtiere mithelfen. Doch der Verlust wiegt schwer. Besonders die Mutterwölfin hat für die Welpen und die Stabilität des gesamten Rudels eine große Bedeutung. Fällt sie weg, wird es schwerer, die Jungen zu versorgen und die Familie zusammenzuhalten.
Wolfsfamilien im Visier
Durch Entscheidungen von Bundesregierung und Jagdverbänden soll ab dem 1. Juli eine Jagd, vor allem auf die unschuldigen Wolfswelpen, ermöglicht werden. Sogar der Abschuss ganzer Wolfsfamilien wird gefordert – die Folge jahrelang geschürter Vorurteile und Ängste gegenüber einem Tier, das uns in seinem sozialen Wesen eigentlich genauso ähnelt wie Affen, Wale oder Elefanten.
Wolfswelpen unterscheiden sich nicht sonderlich von Kleinkindern – sie spielen, erkunden ihre Umwelt und genießen die Zuwendung ihrer Familienmitglieder. Fotos: Tobias Bürger






