Hallo auf Umwegen

Datum: Freitag, 04. September 2026 15:34

Spontangeburt oder Kaiserschnitt – welcher Weg ist der richtige?

Die weltweit häufigste Operation bei Frauen ist der Kaiserschnitt. Der Kaiserschnitt-Anteil an allen Geburten hat sich seit den 1960er-Jahren von 3 auf 30 Prozent verzehnfacht. An einzelnen Kliniken liegt die Rate bei über 80 Prozent. Promis wie Victoria Beckham, die gleich vier Kinder auf diesem Wege zur Welt gebracht hat – vermutlich auch deswegen, damit David Beckham trotz vollem Terminkalender dabei sein konnte, machen es vor: Die Geburt durch Kaiserschnitt wird immer häufiger und offenbar auch immer beliebter. Sie wird mit Begriffen wie „schmerzfrei“ und „sicher“ in Verbindung gebracht. Doch ist die Geburt wirklich schmerzärmer als die spontane, vaginale Entbindung? Welche Risiken gehen damit für Mutter und auch Kind einher? Wir haben für dieses Titelthema Statistiken und Studien gelesen sowie mögliche Gründe und Gegenmaßnahmen zum Trend Kaiserschnitt gesucht. Zunächst erläutern wir, wie Kinder zur Welt kommen können.


Ganz gleich, ob Kaiserschnitt oder spontane Geburt: Zunächst wird der neue Erdenbürger vermessen.

Die spontane Geburt

Bei einer spontanen, vaginalen Geburt beginnt die Entbindung meist mit regelmäßigen Wehen oder einem Blasensprung. Die Wehen öffnen den Muttermund nach und nach, bis das Kind schließlich durch den Geburtskanal das Licht der Welt erblickt. Das kann im Liegen, aber auch im Hocken, Sitzen oder in einer Gebärwanne passieren. Anschließend folgt die Nachgeburt, bei der die Plazenta ausgestoßen wird. All das kann von den ersten regelmäßigen Wehen bis zum Durchtrennen der Nabelschnur mehrere Stunden, manchmal sogar Tage dauern, kann aber auch innerhalb von ein oder zwei Stunden passieren. Gerade Frauen, die ihr drittes oder viertes Kind vaginal zur Welt bringen, erleben Geburten häufig deutlich schneller.
Für Mutter und Kind bietet dieser Geburtsweg viele Vorteile. Das Baby wird beim Durchtritt durch den Geburtskanal auf natürliche Weise auf das Leben außerhalb des Mutterleibs vorbereitet. Ein Teil des Fruchtwassers wird aus der Lunge gepresst und die Pumpen in den Lungenbläschen aktiviert, wodurch sich die Atmung leichter anpasst. Außerdem kommt das Neugeborene früh mit den Bakterien der mütterlichen Vaginalflora in Kontakt. Sie gelten als wichtiger Baustein für die Entwicklung des Immunsystems und des Darmmikrobioms. In der Leber des Babys wird durch den natürlichen Geburtsvorgang Stärke freigesetzt. Dadurch kann das Kind nach dem Durchtrennen der Nabelschnur auf eigene Energiereserven zurückgreifen. Schlussendlich wird in kleinen Fettdepots an Schulter, Hals und Brust sogenanntes braunes Fett aktiviert. Das funktioniert wie eine Art chemische Heizung und erleichtert die Temperaturregulation.
Auch für die Mutter bringt die spontane Geburt meist Vorteile mit sich. Da keine Operation erforderlich ist, verläuft die körperliche Erholung in der Regel schneller. Viele Frauen können kurz nach der Geburt wieder aufstehen, ihr Baby selbst versorgen und das Krankenhaus früher verlassen. Bei späteren Schwangerschaften bestehen weniger Risiken.
Dennoch ist eine spontane Geburt nicht automatisch einfach. Die Wehen werden von vielen Frauen als sehr schmerzhaft empfunden, allerdings bieten moderne Schmerztherapien wie eine Periduralanästhesie (PDA) Möglichkeiten zur Linderung. Außerdem kann es zu Geburtsverletzungen wie Dammrissen oder Verletzungen des Beckenbodens kommen.

Der Kaiserschnitt

Beim Kaiserschnitt wird das Kind operativ geboren – über einen quer verlaufenden Schnitt knapp oberhalb des Schambeins. In den meisten Fällen erhält die Mutter eine lokale Betäubung in Form einer Spinal- oder Periduralanästhesie, sodass sie die Geburt ihres Kindes wach miterleben kann. Unterschieden wird zwischen einem primären, terminlich festgelegten Kaiserschnitt, der meist ab der 40. Schwangerschaftswoche erfolgt, und einem sekundären Kaiserschnitt. Dieser erfolgt, wenn eine natürliche, vaginale Geburt bereits begonnen hat, aber nicht zu Ende gebracht werden kann. Davon abgegrenzt wird der Notkaiserschnitt, der sehr schnell erfolgen muss, weil Gesundheit von Mutter und/oder Kind gefährdet sind. Hier erfolgt fast immer eine Vollnarkose, weil diese innerhalb weniger Minuten wirkt.
Ein geplanter Kaiserschnitt läuft meist ruhig und gut vorbereitet ab. Nach der Narkose wird das Baby innerhalb weniger Minuten geboren. Dazu wird ein etwa 8 bis 12 cm langer Schnitt unauffällig an der Schamhaargrenze gesetzt. Das Muskelgewebe wird nicht durchschnitten, sondern Bauchdecke und Gebärmutter werden soweit gedehnt, dass das Kind hindurchpasst. Anschließend werden Plazenta, Gebärmutter und Bauchdecke über eine Naht verschlossen, wobei die Fäden unsichtbar unter der Haut verlaufen. Die Wunde wird durch ein großes Pflaster geschützt, das nach etwa drei bis fünf Tagen abgenommen werden kann. Insgesamt dauert die Operation etwa 30 bis 60 Minuten.
Die Entbindung selbst ist aufgrund der Narkose mit weniger Schmerzen verbunden als eine vaginale Geburt. Allerdings führt die Wunde dazu, dass die Schmerzen danach stärker sind. Die Frauen bleiben ein bis zwei Tage länger im Krankenhaus und brauchen in den ersten Tagen und Wochen mehr Erholung und Unterstützung bei der Versorgung des Kindes.
Der größte Vorteil des Kaiserschnitts liegt darin, dass Risiken für Mutter oder Kind in bestimmten Situationen reduziert werden können. Gleichzeitig bleibt der Kaiserschnitt eine größere Operation. Die Heilung dauert meist mehrere Wochen. Schmerzen im Bereich der Operationsnarbe, Bewegungseinschränkungen und ein längerer Krankenhausaufenthalt im Vergleich zur vaginalen Geburt sind häufig. Wie bei jeder Operation bestehen Risiken wie Infektionen der Wunde, Blutungen, starker Blutverlust oder Thrombosen. In seltenen Fällen können benachbarte Organe verletzt werden. Zu klassischen Narkoserisiken zählen Kreislaufprobleme, Übelkeit oder Kopfschmerzen.
Eine erst 2023 offiziell als Krankheit anerkannte mögliche Spätfolge ist die Caesarean Scar Disorder. Dabei kann die Kaiserschnitt-Narbe schlecht verheilen und kleine Löcher und Nischen im Inneren der Gebärmutter zur Folge haben, die zunächst unbemerkt bleiben. Die wiederum können zu Komplikationen wie Blutungen, Ausfluss, Schmerzen bis hin zu Endometriose und sogar Unfruchtbarkeit führen. Ursache für dieses relativ neue Phänomen ist vermutlich eine vor gut 20 Jahren eingeführte neue Nahttechnik nach einem Kaiserschnitt. Bis etwa zur Jahrtausendwende wurden die drei Schichten der Gebärmutter einzeln vernäht, heute erfolgt nur noch eine Naht, wodurch einzelne Schichten offen bleiben. Diese Naht hat durchaus Vorteile, weil sie schneller geht und die Frauen zunächst weniger Schmerzen haben. Aber die Risiken sind enorm. Schätzungsweise jede fünfte Frau ist nach einem Kaiserschnitt von der Caesarean Scar Disorder betroffen. Hilfe erfolgt meist spät, da sie bisher wenig bekannt ist. Immerhin: Nach erfolgter Diagnose lassen sich offenen Stellen operativ schließen.
Gut zu wissen: Sowohl bei der vaginalen Geburt als auch beim geplanten Kaiserschnitt kann der Partner oder eine andere Begleitperson dabei sein. Das ermöglichen fast alle Kliniken. Einzig beim Notkaiserschnitt unter Vollnarkose ist das nicht möglich. Auch das Stillen des Babys ist nach beiden Geburtsformen möglich. Frauen lassen sich hier am besten von einer Hebamme unterstützen, um den Stillstart zu erleichtern.



Foto: istock.com/geargodz

Narbenpflege nach Kaiserschnitt

In den ersten zwei bis drei Wochen nach der Entbindung sollte die Narbe Zeit zum Heilen haben, also nur vorsichtig mit klarem Wasser gereinigt und nur mit sauberen Händen angefasst werden. In dieser Zeit kann die Narbe noch brennen oder jucken. Sobald sich die Fäden aufgelöst haben und die Wunde komplett verschlossen ist, kann die Narbenpflege beginnen: Dazu ein- bis zwei Mal täglich Öl (z.B. Mandel oder Calendula) oder eine spezielle Narbencreme behutsam einmassieren. Auch eine Pflegecreme kann geeignet sein, sie sollte parfumfrei sein. Günstige Inhaltsstoffe für die Narbenpflege sind Panthenol, Silikon, Allantoin und Ringelblumensalbe. Eine weitere – allerdings zeitlich und finanziell aufwändigere – Möglichkeit sind spezielle Silikonpflaster.


Wann ist ein Kaiserschnitt notwendig?

In manchen Situationen gibt es kaum eine Alternative zum Kaiserschnitt. Dazu gehören eine vollständige Plazenta praevia, bei welcher der Mutterkuchen den Geburtskanal verschließt, schwere vorzeitige Plazentalösungen, ein Nabelschnurvorfall oder eine akute Gefährdung des Kindes durch einen ausgeprägten Sauerstoffmangel.
Weitere Gründe können schwere Erkrankungen der Mutter, ausgeprägte Präeklampsie, oder Mehrlingsschwangerschaften sein. Nicht jede Beckenendlage erfordert dagegen automatisch einen Kaiserschnitt. Ob eine vaginale Geburt möglich ist, hängt von verschiedenen Faktoren sowie der Erfahrung der Geburtsklinik ab. Die Statistiken zeigen aber auch: nur etwa zehn Prozent der Geburten per Kaiserschnitt waren medizinisch zwingend erforderlich.

Gründe für einen sofortigen Notkaiserschnitt:

  • vorzeitige Lösung des Mutterkuchens von der Gebärmutterwand; dabei treten meist starke Blutungen auf
  • wenn die Nabelschnur voraus rutscht und zwischen Kind und Geburtskanal eingeklemmt ist (Nabelschnurvorfall)
  • Gebärmutterriss
  • wenn die Herztöne des Kindes langsamer werden und die Versorgung des Kindes mit Sauerstoff gefährdet ist


Zwingende Gründe für einen (geplanten) Kaiserschnitt

  • wenn die Lage des Kindes eine Geburt unmöglich macht
  • wenn der Mutterkuchen vor dem Gebärmutterausgang liegt und den Geburtskanal versperrt
  • wenn bei einem vorangegangenen Kaiserschnitt ein Längsschnitt in der Gebärmutter notwendig war und dadurch das Risiko für ein Reißen der Gebärmutter besteht
  • Geburtsstillstand, der anders nicht behoben werden kann
  • Bluthochdruck und Krämpfe der Mutter


Nicht zwingende Gründe für einen Kaiserschnitt

  • wenn vorher schon einmal ein Kaiserschnitt erfolgt ist
  • wenn die Lage des Kindes eine Geburt erschweren könnte, z.B. Beckenendlage
  • Mehrlingsgeburten
  • Geburtsstillstand
  • wenn es Hinweise auf Wachstumsstörungen, Erkrankungen oder Fehlbildungen des Kindes gibt
  • Erkrankungen der Mutter wie zum Beispiel manche Herzerkrankungen oder schwere Stoffwechselstörungen
  • wenn durch den Geburtsstress die Gesundheit der Mutter gefährdet ist
  • Erschöpfung der Mutter, wenn die Geburt besonders lange dauert
  • Angst vor der bevorstehenden Geburt


Anders als beim geplanten Kaiserschnitt muss es bei spontanen Geburten häufig schnell gehen – daher haben viele Geburtskliniken Storchenparkplätze für werdende Eltern reserviert.

Wann kann ein Wunschkaiserschnitt sinnvoll sein?

Manche Frauen entscheiden sich auch bewusst für einen geplanten Kaiserschnitt, obwohl kein medizinischer Grund dafür vorliegt. Fachleute sprechen dann von einem Wunschkaiserschnitt. Vor einem solchen Eingriff findet immer eine ausführliche ärztliche Beratung statt, bei der Nutzen und Risiken sorgfältig gegeneinander abgewogen werden. Ein Wunschkaiserschnitt kann beispielsweise erfolgen, wenn Frauen nach einer früheren traumatischen Geburt unter großer Angst vor einer erneuten vaginalen Entbindung leiden. Die Angst vor Wehenschmerzen kann ein weiterer Grund sein. Auch nach komplizierten Geburtsverletzungen oder bestimmten Erkrankungen des Beckenbodens kann ein geplanter Kaiserschnitt Vorteile bieten. Manche Frauen entscheiden sich auch nach mehreren vorausgegangenen Kaiserschnitten gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam erneut für diesen Geburtsweg. Was vermutlich ebenfalls vorkommt, sind Kaiserschnittentbindungen aus organisatorischen Gründen, weil sich der Termin beispielsweise so besser mit dem Dienstplan des werdenden Vaters vereinbaren lässt oder um den Geburtstag des Kindes auf einen Wunschtermin zu legen. Rein rechtlich muss ein Wunschkaiserschnitt ohne jegliche medizinische Indikation privat bezahlt werden. Die Kosten dafür werden nicht von der Krankenkasse übernommen. Praktisch ist es wohl eher so, dass sich bei Bedarf eine Indikation findet, mit der die Notwendigkeit des Kaiserschnitts begründet wird.

Spontangeburt nach Kaiserschnitt?

Manchmal lässt sich ein Kaiserschnitt nicht vermeiden. Wenn die betroffene Frau dann erneut schwanger wird, stellt sich die Frage: Ist eine spontane, vaginale Geburt nach einem Kaiserschnitt überhaupt noch möglich? Die Antwort: Ja, aber. Es gibt nur wenige Gründe, die dagegensprechen. Das ist z.B. eine ungünstige Lage der Plazenta. Wichtig: Wer über ein drittes oder viertes Kind nachdenkt, sollte sich möglichst für eine vaginale Geburt entscheiden. Je häufiger ein Kaiserschnitt durchgeführt wurde, desto höher ist das Risiko für Probleme mit der Plazenta. Etwa drei von vier Frauen, die sich nach einem Kaiserschnitt für eine Spontangeburt entscheiden, können ihr Kind auch auf diesem Weg zur Welt bringen. Bei einem Viertel ist erneut ein Kaiserschnitt nötig.

Mythen & Fakten rund um den Kaiserschnitt

Mythos: Ein Kaiserschnitt ist die sanftere Geburt.
Fakt: Für das Baby kann ein geplanter Kaiserschnitt sehr schonend sein, allerdings auch Nachteile haben. Für die Mutter bleibt er eine große Bauchoperation mit längerer Heilungszeit als nach einer vaginalen Geburt ohne Komplikationen.

Mythos: Ein Kaiserschnitt ist schmerzfrei.
Fakt: Während der Operation sorgt die Betäubung in der Tat dafür, dass keine Schmerzen auftreten. Nach dem Eingriff können jedoch Wundschmerzen und Bewegungseinschränkungen über mehrere Tage oder gar Wochen bestehen.

Mythos: Nach einem Kaiserschnitt sind spätere natürliche Geburten ausgeschlossen.
Fakt: Das stimmt nicht. Viele Frauen können nach einem Kaiserschnitt ihr nächstes Kind spontan zur Welt bringen. Ob dies möglich ist, hängt unter anderem von der Ursache des ersten Kaiserschnitts und dem Verlauf der folgenden Schwangerschaft ab.

Mythos: Eine spontane Geburt ist riskanter.
Fakt: Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft gilt die vaginale Geburt als sicher und wird deshalb von Fachgesellschaften empfohlen. Ein Kaiserschnitt bietet nur dann Vorteile, wenn medizinische Gründe vorliegen.

Mythos: Ein Kaiserschnitt ist keine natürliche Geburt.
Fakt: Jede Geburt ist eine Geburt. Ob spontan oder per Kaiserschnitt – entscheidend ist, dass Mutter und Kind gut versorgt sind. Ein Kaiserschnitt ist kein Misserfolg, keine falsche oder unnatürliche Geburt, sondern manchmal einfach die bessere Entscheidung für Mutter und Kind.


Geboren wie ein Kaiser?
Kleine Wortkunde zum Kaiserschnitt

So ungewöhnlich der Name „Kaiserschnitt“ ist, so unklar ist die Wortherkunft. Bis heute hält sich die Legende, der spätere römische Kaiser Julius Caesar sei aus dem Bauch seiner Mutter herausgeschnitten worden und wurde so zum Namenspatron dieser Geburtsform. Das ist sehr unwahrscheinlich. Zu Lebzeiten von Caesar wurden Kaiserschnitte zwar durchgeführt – aber nur im äußersten Notfall, um das Kind zu retten und nur dann, falls die Mutter im Sterben lag oder bereits verstorben war. Einen Bauchschnitt hätten Gebärende damals mangels medizinischer Möglichkeiten nicht überlebt. Möglicherweise leitet sich der Begriff vom lateinischen „caedere“ ab, was u.a. mit fällen, erschlagen und schneiden übersetzt werden kann. Otto Küstner schrieb 1915 in seinem Lehrbuch über die Gynäkologie „Der abdominale Kaiserschnitt“: Der Kaiserschnitt sei „eine so vornehme Operation, dass sie auch ihren stolzen Namen behalten mag, selbst wenn es Irrungen sind, die ihn ihr verschafften.“ So ist es bis heute.



Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, brauchen in den ersten Monaten noch viel medizinische Unterstützung. Foto: istock.com/Yobro10

Wenn es früher losgeht
Mögliche Frühgeburt: Kaiserschnitt oder Spontangeburt?

Ein Grund, der in dieser Übersicht nicht auftaucht, ist eine drohende Frühgeburt. Daher wollen wir an dieser Stelle schauen, was für oder gegen einen Kaiserschnitt bei Frühchen spricht. Als Frühgeborene gelten Kinder, die vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren werden. Besonders häufig sind dabei sogenannte späte Frühchen zwischen der 32. und 36. SSW. Sie sind meist schon erstaunlich weit entwickelt, brauchen nach der Geburt aber mitunter noch Unterstützung. Je früher ein Kind zur Welt kommt, desto größer sind die medizinischen Herausforderungen: Bei sehr frühen Frühgeburten vor der 32. SSW, insbesondere vor der 28. SSW, können Lunge, Gehirn, Darm und andere Organe noch deutlich unreif sein.

Ob ein Frühchen spontan geboren werden kann oder per Kaiserschnitt zur Welt kommt, hängt von der jeweiligen Situation ab. Ein Kaiserschnitt ist nicht allein deshalb notwendig, weil ein Kind zu früh kommt. Im Grunde gelten hier die gleichen Aspekte wie bei termingerechten Geburten. Bei sehr frühen Frühgeburten wird die Entscheidung individuell und interdisziplinär getroffen. Bisherige Studien deuten darauf hin, dass es selbst bei sehr frühen Frühgeburten keinen Vorteil für das Kind bringt, wenn es per Kaiserschnitt geholt wird. Bereits 2013 hieß es in einer Studie der Uniklinik Mainz mit Frühchen unter 1.500 Gramm Geburtsgewicht: „Die Ergebnisse sprechen gegen die obligate Empfehlung einer primären Schnittentbindung.“ Im Umkehrschluss: Auch bei Frühgeburten sollte die Spontangeburt bevorzugt werden, wenn keine anderen medizinischen Gründe dagegensprechen.

Wo das Baby geboren werden sollte, hängt ebenfalls vom Schwangerschaftsalter und vom erwarteten Gesundheitszustand ab. Droht eine Geburt vor der 32. SSW oder wird ein Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm erwartet, sollte die Versorgung in einem spezialisierten Perinatalzentrum geplant werden (s. unsere Karte am Ende des Titelthemas). Dort stehen Neonatologie, Kinderintensivmedizin und weitere Spezialisten rund um die Uhr bereit. Bei späteren Frühchen ab der 32. SSW reicht je nach Situation auch eine weniger spezialisierte Geburtsklinik mit einer auf Neugeborene und Früchtchen spezialisierten Kinderstation (Neonatologie).

Nach der Geburt zeigt sich, welche Unterstützung das Baby tatsächlich benötigt. Sehr kleine Frühchen werden zunächst über eine Sonde ernährt, werden im Inkubator gewärmt und erhalten je nach Reifegrad der Lunge Unterstützung bei der Atmung. Auch die Überwachung von Herzschlag, Sauerstoffsättigung und anderen Körperfunktionen gehört zur Versorgung. Typische Probleme sind Schwierigkeiten beim Atmen, beim Trinken und der Temperaturregulation. Bei sehr unreifen Kindern können zudem Komplikationen wie Hirnblutungen, Darmerkrankungen oder später Entwicklungs- und Sehprobleme auftreten. Das Risiko nimmt mit zunehmender Schwangerschaftsdauer deutlich ab.

Frühchen müssen außerhalb des Mutterleibs Entwicklungsschritte nachholen, für die eigentlich noch Zeit im Bauch vorgesehen war. Besonders die Lunge, das Nervensystem und die Fähigkeit, gleichzeitig zu saugen, zu schlucken und zu atmen, reifen noch weiter. Auch die Temperaturregulation gelingt ihnen noch nicht.

Wie lange ein Frühchen im Krankenhaus bleiben muss, lässt sich nicht allein an der Schwangerschaftswoche festmachen. Entscheidend ist, ob es selbstständig atmen und seine Körpertemperatur halten kann, ausreichend trinkt und kontinuierlich zunimmt. Manche späten Frühchen dürfen bereits nach einigen Tagen oder wenigen Wochen nach Hause, sehr kleine Frühgeborene bleiben dagegen häufig bis über den errechneten Geburtstermin hinaus in der Klinik. Trotz aller nötigen technischen Unterstützung können auch die Eltern die Entwicklung ihres Kindes unterstützen: durch Körperkontakt, sogenanntes Känguruhen, sanftes Sprechen und Singen. Auch abgepumpte Muttermilch ist für Frühchen wertvoll. Die Eltern können schon in der Klinik Schritt für Schritt Pflegeaufgaben übernehmen und so Vertrauen in den Umgang mit dem winzigen Menschen gewinnen.

Entwicklung des Fötus im Überblick:

7. Monat (SSW 25-28): In Deutschland werden nur Frühchen intensivmedizinisch betreut, die wenigstens die 23. SSW vollendet haben. Bei noch früheren Frühgeburten wird individuell entschieden. Im siebten Monat festigt sich das Skelett und das Ungeborene kann die Augen öffnen. Unter dem Zahnfleisch haben sich die Milchzähne gebildet. Die meisten Organe sind ausgereift, das Gehirn und die Lunge noch nicht. Deswegen müssen frühe Frühchen beatmet werden. Am Ende des siebten Monats ist das Ungeborene ca. 35 Zentimeter groß und wiegt rund 1200 Gramm. Es hätte jetzt relativ gute Überlebenschancen außerhalb des Mutterleibs.

8. Monat (SSW 29-32): Das Gehirn nimmt an Masse zu und erhält seine typische „Walnuss“-Struktur. Das Ungeborene kann jetzt nicht nur Geräusche wahrnehmen, sondern auch hell und dunkel. Es trainiert seine Lunge durch das „Ein- und Ausatmen“ von Fruchtwasser, was die Schwangere als Schluckauf beim Baby spüren kann. In diesem Monat entwickelt sich das Schmerzempfinden des Kindes. Bei Jungen wandert der Hoden vom Bauch in den Hodensack. In diesen Wochen begibt sich das Kind meist in seine spätere Geburtsposition – also im Idealfall mit dem Köpfchen nach unten. Am Ende des achten Monats wiegt das Kind etwa 2000 Gramm und ist ca. 40 cm lang.

9. Monat (SSW 33-36): Das Kind nimmt weiter zu und lagert Fett unter seiner zarten Haut an, damit es später seine Temperatur selbst regulieren kann. Pro Woche legt es jetzt etwa 200 Gramm an Gewicht zu. Die Haut glättet sich und ist nicht mehr so gerötet. Finger- und Zehennägel sind jetzt komplett ausgebildet. Die Lunge macht einen wichtigen Schritt in der Reifung, so dass sich die Lungenbläschen direkt nach der Geburt entfalten können. Auch das Gehirn macht noch wichtige Reifungsschritte. Am Ende des neunten Monats ist das Baby etwa 45 cm groß und wiegt zwischen 2500 und 2800 Gramm.

10. Monat (SSW 37-40): Ab der 37. SSW gilt das Baby nicht mehr als Frühchen. Es verliert seinen typischen haarigen Flaum, den es am ganzen Körper trägt und behält nur das Kopfhaar. Im letzten Monat erhält es von der Mutter wichtige Antikörper. Dieser sogenannte „Nestschutz“ schützt es in den ersten Lebensmonaten vor Krankheiten, auch vor solchen, gegen die ein Neugeborenes noch nicht geimpft werden kann. Bei der Geburt im 10. Monat wiegen die meisten Kinder zwischen 3000 und 4000 Gramm und sind gut 50 cm lang.



Foto: istock.com, Ridofranz

Dumm, dick und krank durch Kaiserschnitt?
Das sagt die Wissenschaft zu den Spätfolgen der operativen Entbindung

Rund um das Thema Kaiserschnitt gibt es zahlreiche Studien, die mögliche Folgen für Mama und Kind untersucht haben. Wir stellen einige an dieser Stelle vor.
Eine britische Studie von 2019 mit 600 Neugeborenen zeigte, dass vaginal geborene Kinder ein besseres Mikrobiom haben, das heißt ihr Darm war mit mehr Bakterien besiedelt, die für das Immunsystem wichtig sind. Der Grund: Bei einem Kaiserschnitt entfällt für das Kind der Weg durch den vaginalen Geburtskanal und es kommt nicht mit den dortigen Bakterien in Berührung. Ein weiterer Grund könnte die prophylaktische Antibiotikagabe bei einem Kaiserschnitt sein, die eine Entzündung der Bauchwunde verhindern soll. Allerdings ist hier der Zusammenhang zwischen kindlicher Darmflora und mütterlichen Antibiotika noch nicht sicher belegt.
Eine niederländische Studie von 2022 mit 120 Säuglingen hat den Einfluss der Geburt auf das kindliche Immunsystem anhand von Impfreaktionen im ersten Lebensjahr gemessen. Demnach zeigten vaginale entbundene Kinder eine stärkere Immunantwort auf die Impfungen als Kaiserschnittkinder. Das bestätigt den positiven Einfluss einer natürlichen Geburt auf das kindliche Immunsystem. Mehrere Studien zeigen außerdem, dass viel Hautkontakt zwischen Mutter und Kind sowie Stillen das kindliche Mikrobiom positiv beeinflussen – auch bei Kaiserschnittkindern.
Immer wieder liest man, eine Kaiserschnitt-Geburt habe einen negativen Einfluss auf die spätere Intelligenz der Kinder. Hinreichend belegt ist das nicht. Eine australische Studie von 2017 untersuchte knapp 3.700 Kinder von der Geburt bis ins Grundschulalter. Dabei schnitten die Kaiserschnitt-Kinder tatsächlich etwas schlechter ab in Kompetenzen wie Rechnen, Lesen, Schreiben und Grammatik. Allerdings sagen die Autoren auch: Es ist nicht klar, ob die unterschiedlichen Ergebnisse ursächlich mit dem Geburtsmodus zusammenhängen.
Eine 2019 veröffentlichte Analyse der Techniker Krankenkasse zeigt, dass Kaiserschnitt-Kinder in den ersten Lebensjahren häufiger an Atemwegsinfekten, Magen-Darm-Erkrankungen und Entwicklungsstörungen wie ADHS leiden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie daran erkranken, ist um
6 bis 9 Prozent erhöht im Vergleich zu spontan entbundenen Kindern.
Eine in diesem Jahr veröffentlichte Metastudie, die mehr als 20 Studien ausgewertet hat, zeigt, dass eine Kaiserschnittentbindung zu einem höheren Risiko für Übergewicht bis hin zu Fettleibigkeit bei den Kindern führt. Demnach ist das Risiko etwa 18 Prozent höher als bei Kindern, die auf natürlichem Weg geboren wurden. Berücksichtigt wurden nur Studien mit Kindern unter sieben Jahren.
In diesem Jahr wurde in Kanada eine Studie veröffentlicht, die darauf hindeutet, dass Frauen nach einem Kaiserschnitt größere Probleme haben, erneut schwanger zu werden. Dazu wurden die Daten von 7.500 Frauen untersucht, die nach vorangegangener Geburt eine künstliche Befruchtung vornehmen ließen, um erneut schwanger zu werden. Das Ergebnis: Hatten sie zuvor per Kaiserschnitt entbunden, war die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Schwangerschaft und Geburt deutlich geringer als nach einer vaginalen Geburt. Dies könnte mit der Narbe zusammenhängen, die ein erneutes Einnisten einer Eizelle erschwert, kann aber auch ganz andere Gründe haben.

Geburt ohne ärztliche Begleitung: Hausgeburt, Geburtshaus oder Hebammen-Kreißsaal

Frauen, die sich bewusst für eine Spontangeburt und gegen einen Kaiserschnitt entscheiden, müssen nicht zwingend in einer Geburtsklinik entbinden. Alternativen sind die durch eine Hebamme begleitete Hausgeburt in den heimischen vier Wänden oder eine Entbindung in einem Geburtshaus. In der Lausitz gibt es seit 2022 in Cottbus das Geburtshaus Mondstein, das von zwei Hebammen geleitet wird. Die nächsten sind dann erst in Berlin, Dresden und Leipzig zu finden. Eine weitere Alternative sind Hebammen-geleitete Kreißsäle, von denen es allerdings bisher keine im lausebande-Erscheinungsgebiet gibt. In ihnen werden Frauen nur von Hebammen betreut, ärztliches Personal kann aber im medizinischen Notfall schnell hinzukommen.
Anders ist es im Geburtshaus oder während einer Hausgeburt. Sie werden ausschließlich von erfahrenen Hebammen begleitet. Ärztinnen oder Ärzte sind nicht vor Ort. Deshalb eignen sich beide Geburtsorte nur für gesunde Schwangere mit einer unkomplizierten Einlingsschwangerschaft, deren Baby in Schädellage liegt und bei denen keine besonderen Risiken für Mutter oder Kind zu erwarten sind. Treten Risikofaktoren auf – etwa Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes mit Komplikationen, eine Frühgeburt oder eine Beckenendlage – wird zu einer Entbindung im Krankenhaus geraten.

Mehr Hausgeburten seit Corona

Die Corona-Pandemie, die werdenden Vätern zwischenzeitlich die Begleitung der Geburt untersagte, hat zu einem Anstieg außerklinischer Geburten geführt. Seite 2020 kommen knapp zwei Prozent der Kinder in Deutschland zu Hause oder in einem Geburtshaus zur Welt. Anfang der 2000er-Jahre lag der Wert bei 1,2 Prozent.
Familien schätzen an einer außerklinischen Geburt vor allem die persönliche Betreuung und die Atmosphäre. Häufig begleitet dieselbe Hebamme die Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett. Die vertraute Umgebung, mehr Zeit und eine interventionsarme Begleitung vermitteln vielen Frauen Sicherheit und Geborgenheit. Medizinische Eingriffe wie Geburtseinleitungen oder Kaiserschnitte kommen bei außerklinischen Geburten deutlich seltener vor, was aber auch daran liegt, dass ausschließlich Frauen mit niedrigem Schwangerschaftsrisiko diese Möglichkeit in Anspruch nehmen können.
Ein weiterer Aspekt ist relevant für Schwangere, die bereits ein oder mehrere Kinder haben: Bei einer Hausgeburt können die Geschwister auf Wunsch bei der Geburt dabei sein, was in einer Klinik nicht möglich ist. Selbst wenn Geschwister die Hausgeburt nicht direkt miterleben sollen oder möchten, können sie sich in ihr Kinderzimmer zurückziehen und es braucht keine separate Betreuung durch Großeltern oder Freunde.

Das spricht gegen eine Hausgeburt

Den Vorteilen stehen jedoch auch Grenzen gegenüber. Weder im Geburtshaus noch bei einer Hausgeburt stehen ein Operationssaal, ein Anästhesieteam oder eine Kinderklinik unmittelbar zur Verfügung. Kommt es unerwartet zu Komplikationen wie starken Blutungen, Geburtsstillstand, Atemstillstand oder Auffälligkeiten der kindlichen Herztöne, muss die Geburt in ein Krankenhaus verlegt werden. Deshalb arbeiten Geburtshäuser und freiberufliche Hebammen eng mit nahe gelegenen Kliniken zusammen und verfügen über feste Notfallpläne. Das heißt für werdende Mütter in ländlichen Regionen, dass sie bei dem Wunsch nach einer Hausgeburt bedenken sollten, wie schnell sie im Notfall in der nächstgelegenen Geburtsklinik sein können.
Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe erfasst und veröffentlicht jährlich die Zahlen, wie oft bei diesen Geburten eine Verlegung in die Klinik erforderlich ist. Dieser Wert lag in den vergangenen fünf Jahren zwischen 15 und 17 Prozent. Das heißt jede sechste außerklinische Geburt wurde in der Klinik beendet, wobei dazu auch jene Geburten gehören, in denen das Kind so schnell kam, dass es bereits auf dem Weg zur geplanten Klinikgeburt das Licht der Welt erblickte. Typische Gründe für die Klinikverlegung waren Geburtsstillstand, vorzeitiger Blasensprung, schlechte Herztöne des Babys und der Wunsch der Mutter nach Schmerzmedikamenten. Nur knapp ein Prozent der Verlegungen erfolgte als akuter medizinischer Notfall. Interessant: Bei den Gebärenden, die in eine Klinik verlegt werden, erfolgt in 33 Prozent ein Kaiserschnitt – die Rate ist also bei diesem kleinen Teil der Frauen ähnlich hoch, wie bei allen klinischen Geburten. Weitere knapp fünf Prozent der Frauen werden nach der Geburt zu Hause oder im Geburtshaus noch in die Klinik verlegt, weil sie beispielsweise stark bluten. 94 Prozent aller Kinder kommen gesund zur Welt, bei etwa 1 bis 2 von 1.000 außerklinischen Geburten verstirbt das Kind.

Diese Kosten werden übernommen

Internationale Studien zeigen, dass geplante außerklinische Geburten für sorgfältig ausgewählte Frauen mit niedrigem Risiko sicher sind. Gleichzeitig betonen Fachgesellschaften und insbesondere Mediziner, dass unvorhersehbare Notfälle auch bei zunächst völlig unkomplizierten Schwangerschaften auftreten können. Die Entscheidung für den Geburtsort sollte deshalb immer gemeinsam mit der betreuenden Hebamme und der behandelnden Frauenärztin getroffen werden.
Die gesetzliche Krankenkasse übernimmt die Kosten für alle hier vorgestellte Varianten mit einer Ausnahme: Die Rufbereitschaft der Hebamme wird nicht bezahlt, aber von einigen Kassen zumindest bezuschusst. Zusätzlich muss man bei der Hausgeburt für Materialkosten aufkommen, die man in der Klinik gestellt bekommt, beispielsweise Handtücher, Wöchnerinnen-Vorlagen, Matte. Wer privat krankenversichert ist, sollte die Kostenübernahme rechtzeitig vor der Entbindung klären.


Von allen Frauen, die sich für eine Hausgeburt entscheiden, sind 24 % Erstgebärende. Bei außerklinischen Geburten in einem Geburtshaus oder Hebammenkreißsaal liegt ihr Anteil doppelt so hoch. Quelle: Qualitätsbericht außerklin. Geburtshilfe 2024  



Die Geburtsklinik in Lauchhammer gehört mit 22 Prozent im Jahr 2023 zu den Kliniken mit einer unterdurchschnittlichen Kaiserschnittrate. Foto: SKN

Geburt per Kaiserschnitt – warum die Zahlen steigen
Jede dritte Geburt in Deutschland erfolgt operativ, woanders ist die Quote höher

Laut Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation sollte die Kaiserschnittrate zwischen 10 und 15 Prozent liegen. 2025 führte die WHO eine Studie durch, um die Zahlen weltweit zu vergleichen. Demnach erfüllen nur 14 Länder die WHO-Empfehlung. Die Industriestaaten liegen fast immer darüber, zum Teil erheblich. Arme Länder der Dritten Welt liegen deutlich darunter.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland im oberen Mittelfeld der OECD-Staaten. Deutlich häufiger wird per Kaiserschnitt beispielsweise in der Türkei, Rumänien oder Bulgarien entbunden. Länder wie Israel, Norwegen oder Island verzeichnen dagegen niedrigere Raten. Fachleute führen das auf mehrere Gründe zurück. In den nordischen Ländern wird die natürliche Geburt besonders gefördert. Hebammen begleiten Schwangere und Gebärende oft sehr eng, Eingriffe werden nur dann vorgenommen, wenn sie medizinisch notwendig sind. Zudem gelten dort klare nationale Leitlinien, die unnötige Kaiserschnitte vermeiden sollen. Gleichzeitig nehmen sich viele Kliniken mehr Zeit, auch langwierige Geburtsverläufe sicher zu begleiten, statt frühzeitig zu operieren.
Israel verfolgt ebenfalls eine zurückhaltende Strategie bei Kaiserschnitten. Obwohl dort viele Frauen vergleichsweise spät Kinder bekommen und häufig mehrere Schwangerschaften erleben, wird eine vaginale Geburt – auch nach einem früheren Kaiserschnitt – gezielt unterstützt, sofern keine medizinischen Gründe dagegensprechen. Hinzu kommt, dass die Gesundheitssysteme in diesen Ländern weniger wirtschaftlichen Anreizen unterliegen, operative Geburten durchzuführen.


Besonders häufig wird in Geburtskliniken in Brasilien, Ägypten, Iran und Türkei zum Skalpell gegriffen. Quelle: WHO 2024, Angaben in Prozent

In Deutschland wird inzwischen etwa jedes dritte Baby auf diesem Weg geboren – so viele wie nie zuvor. Im Jahr 2024 lag die Kaiserschnittrate bei 33 Prozent. Damit hat sie sich seit der Wiedervereinigung mehr als verdoppelt: 1991 wurden 15 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt geboren. In den 1960er-Jahren lag der Anteil sogar bei wenigen Prozent.
„Ein Kaiserschnitt soll in erster Linie die Sicherheit von Mutter und Kind gewährleisten und stellt eine lebenswichtige medizinische Notfallmaßnahme dar. Uns als Deutschem Hebammenverband ist es ein großes Anliegen, dass dieser Eingriff nicht zur Routine wird, sondern eine bewusste medizinische Entscheidung bleibt“, betont Andrea Köbke vom Präsidium des Verbandes.


Die Kaiserschnittrate in deutschen Kliniken hat sich seit 1991 mehr als verdoppelt: Von damals gut 15 Prozent auf heute 33 Prozent. Quelle: Statistisches Bundesamt

Auch innerhalb Deutschlands gibt es deutliche Unterschiede. Während Hamburg, das Saarland und Hessen die höchsten Kaiserschnittraten aufweisen, werden in Sachsen, Brandenburg und Berlin vergleichsweise wenige Kinder per Kaiserschnitt geboren.


Sachsen und Brandenburg haben im Bundesvergleich die niedrigsten Kaiserschnittraten – aber zu hoch im Vergleich zur WHO-Empfehlung. Quelle: Statistisches Bundesamt 2024, Angaben in Prozent

Auch innerhalb Deutschlands gibt es deutliche Unterschiede. Während Hamburg, das Saarland und Hessen die höchsten Kaiserschnittraten aufweisen, werden in Sachsen, Brandenburg und Berlin vergleichsweise wenige Kinder per Kaiserschnitt geboren.

Mögliche Gründe für den Anstieg

Warum die Zahlen in so vielen Ländern so stark steigen, lässt sich nicht allein aus medizinischen Gründen erklären. Fachleute gehen davon aus, dass auch unterschiedliche Routinen, die Ausstattung der Kliniken, die Personalsituation, finanzielle Anreize und Behandlungskulturen eine Rolle spielen. So ist eine Kaiserschnitt-Entbindung (ausgenommen sind medizinische Notfälle) für Kliniken besser planbar. Es wird auch immer wieder die Vermutung geäußert, dass die bessere finanzielle Erstattung durch die Krankenkassen eine Rolle spielen könnte. Laut GKV-Spitzenverband wird eine durchschnittliche natürliche Geburt inklusive ca. dreitägigem Aufenthalt von Mutter und Kind mit 4.383 Euro vergütet, ein Kaiserschnitt mit 5.381 Euro. Das sind „nur“ 1.000 Euro Unterschied. Allerdings bindet ein Kaiserschnitt das medizinische Personal nur für etwa eine Stunde, eine natürliche Geburt hingegen für mehrere Stunden.
Ein weiterer Grund könnte das steigende Durchschnittsalter werdender Mütter sein. Bei der Geburt ihres ersten Kindes sind Frauen in Deutschland im Schnitt 30,5 Jahre alt. Mitte der 1970er-Jahre waren Erstgebärende in Ostdeutschland 22 Jahre und in Westdeutschland 25 Jahre. Mit zunehmendem Alter nehmen Schwangerschaftskomplikationen zu. Auch Mehrlingsschwangerschaften, Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck erhöhen das Risiko, sodass ein Kaiserschnitt medizinisch notwendig sein kann.

Ideen, um die hohe Kaiserschnittrate zu senken

Wir haben die Gründe dargestellt, warum die Kaiserschnittraten so hoch sind, die möglichen Folgen für Mama und Kind. Zum Schluss wollen wir Ideen vorstellen, wie man die Entwicklung in die gegenläufige Richtung lenken könnte. Der ehemalige Chefarzt und Gynäkologe Dr. Wolf Lütje hat sie 2019 zuerst im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht. Wir drucken sie hier mit freundlicher Genehmigung des Vereins Mother Hood ab, einer Eltern-Initiative für eine selbstbestimmte Geburt.

1. Hauptgrund für den Kaiserschnitt ist aus meiner Sicht, dass sowohl bei Geburtshelfern als auch Schwangeren die Angst nicht mehr ein Berater, sondern ein Bestimmer geworden ist. Wer stets in Risiken denkt, schafft solche; der Kaiserschnitt erscheint als Ausweg, bzw. ist logische Folge.

2. Fehlende Geduld: Geburt kennt keine Zeit. Das betrifft sowohl die Schwangerschaftsdauer als auch den Geburtsverlauf. Diese Regel wird viel zu oft und unbegründet verletzt.

3. Geburtshilfliche Kunst: Diese droht auf der Basis von Angst, Katastrophisierungsneigung und der Vermeidung jedweden Risikos durch Kaiserschnitt völlig verloren zu gehen und ist naturgemäß ein mittel- und langfristiger Grund dafür, dass die Kaiserschnittrate ansteigt.

4. Ökonomie und Organisation: Die Betreuungsschlüssel, insbesondere in Bezug auf Hebammen, sind unzureichend. Gute Betreuung senkt Interventionsraten. Verantwortliche Ärzte in zum Teil schlecht besetzten Abteilungen greifen oft entnervt und müde zum Skalpell. Zudem setzen Geschäftsführungen Chefärzte in Bezug auf Sectioraten und Haftpflichtthemen unter Druck. Dies begünstigt die Interventionsneigung zum Teil massiv.

5. Geburtsüberwachung: In jedem 4. Fall sind schlechte Herztöne der Grund für einen Kaiserschnitt, so als ob Mutter Natur riskieren würde, dass 25 % der Kinder durch die Geburt behindert werden oder gar sterben. Die moderne, tückische CTG-Technologie (wahrscheinlich 30 % Falschaufzeichnungen) sowie fehlende profunde CTG- Interpretationskenntnisse sorgen für unnötige Kaiserschnitte.

6. Einstellungsanomalien: Neben dem Geburtsstillstand ist die Einstellungsanomalie eine der häufigsten Indikationen für den Kaiserschnitt. Solche Anomalien lassen sich oft gut behandeln und führen mit Geduld zur vaginalen Geburt. Selbst der so genannte hohe Gradstand ist bei Frauen mit entsprechend geformtem Becken kein Grund zur Sektio.

7. Makrosomie: Eine Makrosomie (Anm. der Red.: hohes Geburtsgewicht mit über 4000 g) bei physiologisch begleiteter Geburt ohne Intervention führt extrem selten zu den gefürchteten Schwierigkeiten und kann daher bei entsprechender Kenntnis auch weiter gut vaginal entbunden werden.

8. Ältere Erstgebärende und künstliche Befruchtung: Künstliche Befruchtung qua se ist allenfalls psychologisch ein Risikofaktor für eine Geburt. Und die ältere Erstgebärende hat allein altersbedingt keine erhöhten Risiken – es treten allerdings bestimmte Risiken häufiger auf. Nur diese gilt es zu beachten!

Fazit von Dr. Wolf Lütje: „So an all diesen Themen konsequent gearbeitet wird, und dafür gibt es in Deutschland zahlreiche Beispiele, könnte die Kaiserschnittrate deutlich gesenkt werden; mit sicher auch zum Teil besseren Ergebnissen und auch Erlebnissen rund um die Geburt.“ Wir brauchen also mehr Zeit und mehr Zuversicht darin, dass die Geburt ein natürlicher Vorgang ist, der unter den meisten Voraussetzung sowohl von Mutter als auch Kind sehr gut ohne medizinische Intervention bewältigt werden kann. Diese Ansicht wird durch eine schwedische Studie von 2018 bestätigt, wonach vor allem der Glaube an die natürliche Geburt als beste Geburtsform, eine enge Schwangerschaftsbegleitung durch Hebammen und ein gut eingespieltes interdisziplinäres Team in der Geburtsklinik für eine niedrige Kaiserschnittrate von ca. 17 Prozent sorgen. Eine weitere, sehr einfach umsetzbare Idee, stellen wir im Interview im Anschluss an das Titelthema vor. Dort berichtet die Hebamme und Wissenschaftlerin Elke Mattern, inwieweit räumliche Veränderungen im Kreißsaal eine spontane, selbstbestimmte Geburt begünstigen.

Fazit: Welche Geburt passt zu mir?

Was also ist nun das Fazit der vorherigen Zahlen und Informationen? Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft empfehlen Fachgesellschaften grundsätzlich die spontane Geburt, weil sie für Mutter und Kind meist die meisten Vorteile bietet. Dieser Empfehlung schließen wir uns an. Nach der ausgiebigen Recherche der Studien und Zahlen sind wir umso mehr der Meinung, dass sich sowohl Eltern als auch medizinisches Personal viel öfter das Erlebnis natürliche Geburt zutrauen sollten. Es wäre ein fatales Signal, wenn auch hierzulande aus einem Eingriff, der einst nur als Notoperation gedacht war, eine Wunschbehandlung wird. In einigen Ländern ist genau das bereits der Fall. Diese Einstellung lässt die Tatsache außer Acht, dass ein Kaiserschnitt eine Operation mit vielen Risiken ist. Gleichwohl, und auch das wollen wir an dieser Stelle betonen: Es gibt gute, berechtigte Gründe für einen Kaiserschnitt und keine Frau sollte das Gefühl haben, versagt zu haben, weil sie ihr Kind nicht auf natürlichem Weg zur Welt gebracht hat. Für werdende Eltern lohnt es sich deshalb, offen in die bevorstehende Geburt zu gehen und sich auf beide Möglichkeiten vorzubereiten. Denn jede Geburt ist einzigartig und manchmal entscheidet erst der Verlauf, welcher Weg am Ende der richtige ist.



Sieben auf einen Streich: In der Geburtsklinik in Lauchhammer der Sana-Kliniken Niederlausitz kamen am 16. April dieses Jahres sieben Kinder zur Welt. Foto: SKN/ Steffen Rasche

Gut zu wissen: Fast alle Krankenhäuser bieten Infoabende in der Geburtsklinik an, teilweise mit der Möglichkeit der Kreißsaal-Besichtigung. Außerdem kann man sich zum Geburtsplanungsgespräch anmelden, das findet etwa vier bis sechs Wochen vor dem errechneten Termin statt. Dort können werdende Eltern ihre Fragen stellen und gemeinsam mit Ärztinnen und Hebammen besprechen, welche Wünsche und Besonderheiten es für die bevorstehende Geburt gibt. Spätestens in diesem Gespräch sollte auch geklärt werden, ob ein Kaiserschnitt notwendig oder erwünscht ist. Über den QR-Code auf dieser Seite verlinken wir eine Karte des Vereins Mother Hood e.V., in der die Kaiserschnittraten deutscher Geburtskliniken hinterlegt sind (Stand 2023). Demnach gibt es in der Lausitz nur zwei Kliniken mit einer Rate unter 20 Prozent: in Herzberg und in Kamenz. Eine Karte über alle Geburtskliniken in der Lausitz und Umgebung haben wir im Folgenden zusammengestellt. In der Lausitz gibt es derzeit 13 Geburtsstationen, wobei nur das CTK Cottbus auf Frühgeburten vor der 29. Schwangerschaftswoche spezialisiert ist. Die Geburtskliniken in Ebersbach und Forst wurden im vergangenen Jahr geschlossen, in Kamenz steht eine Schließung voraussichtlich zum Ende dieses Jahres an. Im Schnitt wurden in den zurückliegenden fünf Jahren jedes Jahr 16 Geburtskliniken in Deutschland geschlossen, fast immer aus wirtschaftlichen Gründen. Sogar ein Geburtshaus gibt es seit vier Jahren in der Lausitz: Das Geburtshaus Mondstein in Cottbus.

Online-Portale

www.familienplanung.de/schwangerschaft/geburt/kaiserschnitt
Portal vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit mit ausführlichen Informationen rund um die Geburt sowie explizit zum Kaiserschnitt

www.familienhandbuch.de/eltern-werden/rund-um-die-geburt/
Portal vom Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz mit ausführlichen Beiträgen rund um die Geburt, darunter zu Kaiserschnitt, Hausgeburt, Geburtsverlauf und Wochenbett.

www.gesund.bund.de/geburt
Portal des Bundesgesundheitsministeriums mit ausführlichen Informationen zu Geburt und Kaiserschnitt.

https://www.gesundheitsinformation.de/wann-kommt-ein-kaiserschnitt-infrage.html
Portal des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen mit übersichtlich dargestellten Informationen und Zahlen zum Kaiserschnitt.

Für (künftige) lausebanden in Südbrandenburg empfehlen wir das „Netzwerk gesunde Kinder“. Dort können sich werdende Eltern und Familien mit Kindern unter drei Jahren unkompliziert online anmelden und erhalten dann kostenfreie Unterstützung und Beratung von ehrenamtlichen Familienpaten: www.netzwerk-gesunde-kinder.de

Karte zu Kaiserschnittraten

Beratungsstellen Brandenburg

Beratungsstellen Sachsen


Geburtsklinik inkl. Perinatalzentrum Stufe 1:

A – Berlin: Vivantes Klinikum Neukölln, Vivantes Klinikum- Friedrichshain, St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof, Charité Universitätsmedizin (Hauptstandort & Virchow Klinikum), Evangelisches Waldkrankenhaus Spandau, Helios Klinikum Berlin-Buch
B – Potsdam: Klinikum Ernst von Bergmann
C – Frankfurt Oder: Klinikum Frankfurt (Oder)
D – Cottbus: Medizinische Universität Lausitz - Carl-Thiem
E – Dresden: Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

Geburtsklinik inkl. perinatalem Schwerpunkt

1 – Wusterhausen: Klinikum Dahme-Spreewald/ Achenbach-Krankenhaus
2 – Eisenhüttenstadt: Städtisches Krankenhaus
3 – Luckenwalde: KMG Klinikum
4 – Lübben: Klinikum Dahme-Spreewald/Spreewaldklinik
5 – Herzberg: Elbe-Elster-Klinikum
6 – Torgau: Kreiskrankenhaus „Johann Kentmann“
7 – Lauchhammer: Sana Kliniken Niederlausitz
8 – Hoyerswerda: Lausitzer Seenland Klinikum
9 – Bautzen: Oberlausitz Kliniken
10 – Görlitz: Städtisches Klinikum
11 – Zittau: Klinikum Oberlausitzer Bergland

Geburtsklinik ohne Frühchenversorgung

X – Kamenz: St. Johannes Krankenhaus

Geburtshaus

Y – Cottbus: Geburtshaus Mondstein