Für kleine Antikörperchen

Datum: Dienstag, 02. November 2021 16:35

Auswirkungen des Lockdowns auf die kindliche Immunabwehr

Aus diesem Grund sahen einige Ärzte die Kita- und Schulschließungen während der Lockdowns durchaus kritisch. Neben vielen anderen negativen Effekten fehlte den Kindern einfach die Möglichkeit, ihr Immunsystem zu trainieren. Durch die Schließungen und die Kontaktbeschränkungen waren sie deutlich weniger Krankheitserregern ausgesetzt. Das Immunsystem konnte nicht reifen. Die Folge dessen erleben wir jetzt. Kinderarztpraxen und Kinderkliniken schlagen Alarm, weil immer mehr Kinder mit Atemwegsinfektionen schwer erkranken. Während diese Infektionswelle sonst erst im Winter einsetzt, begann sie in diesem Jahr ungewöhnlich früh. Das Clinical Virology Network, das regelmäßig aktuelle Daten zu Atemwegsinfekten erfasst und auswertet, meldete bereits im Juni: „Die respiratorischen Viren sind zurück. ... Berichte aus Australien und Texas zeigen, dass es zu einem außersaisonalen Anstieg von respiratorischen Erregern kommt (v.a. RSV), nachdem die Covid-19-Maßnahmen zurückgefahren wurden.“ Besonders stark betroffen von diesem Anstieg sind Kinder im Alter unter 4 Jahren. Teilweise mussten in den zurückliegenden Wochen ganze Krippenbereiche zeitweise geschlossen werden, weil so viele Kinder erkrankt waren. Zurückgeführt wird das darauf, dass seit dem späten Frühjahr die Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen zurückgefahren wurden und zugleich die Kinder wieder weitgehend uneingeschränkt Kita und Schule besuchen konnten.

Besonders häufig tritt dabei der sogenannte Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) auf, der zur Gruppe der Erkältungsviren gehört. Für die meisten Kinder ist er ungefährlich, er gehörte schon vor Corona zu den häufigsten Erkältungsviren im Kleinkindalter. Eine Meldepflicht besteht nicht. Das RS-Virus löst typische Erkältungssymptome auf, insbesondere Husten. Sehr junge Kinder unter zwei Jahren können auch so schwere Symptome zeigen, dass ein Klinikaufenthalt nötig ist. Lebensgefährlich ist das Virus aber nur für Kinder mit Vorerkrankungen wie Herzfehlern und Lungenerkrankungen sowie für Frühgeborene. Für diese Hochrisikopatienten gab es schon vor Corona eine offizielle Prophylaxe-Empfehlung. Sie erhalten vor Beginn der Saison eine passive Impfung.

Der Mikrobiologe Prof. Dr. Bosch von der Uni Kiel, Experte für die Erforschung des Mikrobioms, warnt vor den langfristigen Folgen zu strenger Hygienemaßnahmen und Kontaktbeschränkungen: „Wir nehmen über unsere Umwelt, also über Ernährung, Sozialkontakte, Familienangehörige und Haustiere ständig Mikroben auf, die unser Mikrobiom verändern, was auch ganz wichtig ist. Nun haben wir die Pandemie, die das alles erschwert. Natürlich müssen wir alles dafür tun, dass sich das Corona-Virus nicht weiter ausbreitet, in dieser Hinsicht sind die Hygieneregeln notwendig. Nichtsdestotrotz ist die Besiedlung mit Mikroben essentiell für unsere Gesundheit. Jetzt braucht es eine Gratwanderung zwischen den Hygieneregeln und der Möglichkeit, unser Mikrobiom weiter zu füttern.“

Er hat im Februar mit internationalen Wissenschaftlern anderer Disziplinen eine Studie veröffentlicht zu den Zusammenhängen zwischen den Corona-Maßnahmen und dem Mikrobiom. Demnach weisen viele schwer erkrankte Corona-Patienten ein gestörtes Mikrobiom auf. Schon aus diesem Grund sollte es in unserem Interesse sein, dem Immunsystem ausreichend Möglichkeiten des Trainings zu geben. Die große Herausforderung für uns Eltern wird darin liegen, den Spagat zwischen Hygienemaßnahmen und Rückkehr zur Normalität erfolgreich zu meistern.


Viele Pandemie-Maßnahmen waren wichtig, hatten aber zugleich negative Auswirkungen auf das menschliche Mikrobiom. Grafik: Katja Duwe-Schrinner